Mittwoch, 24. August 2022

Kapitel I

 

Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-russische Staatsbürger einen negativen PCR-Test vorlegen, der zum Zeitpunkt der Einreise nicht älter als 48 Stunden sein darf. Dies gilt unabhängig vom Alter – betrifft also auch Babys – und vom Impfstatus, also auch dann, wenn der Ausländer mit dem russischen Impfstoff „Sputnik“ geimpft wäre. Zum Zweiten sollte sich ein Reisender gut überlegen, woher er in Russland Geld nimmt. Deutsche Bankkarten funktionieren dort nicht mehr, und in Deutschland gibt es wohl kein Geldinstitut, das noch Euro in Rubel tauscht. Man könnte also mit einem Bündel Euro in der Tasche reisen und sich darauf verlassen, dass eine russische Bank sie gegen Rubel einwechselt – wenn nicht, steht man unerwartet ohne Geld im fremden Land da. Zum Dritten schließlich gibt es keine direkten Flugreisen mehr nach Russland. Die Einreise nach Moskau, Dreh- und Angelpunkt des innerrussischen Luftverkehres, ist nur über einen Drittstaat möglich; am schnellsten scheinen hier die Verbindungen über die Türkei oder Serbien.

Wir haben alle drei Hürden gemeistert. Für 130 Euro pro Person bekamen der kleine Aleksander und ich in Dresden nach einer halben Stunde das Ergebnis des PCR-Express-Tests. Ich überwies einer in Deutschland wohnenden russischen Bekannten Euro, deren Verwandte in Russland auf das russische Konto meiner Frau Rubel zahlten – so haben wir getauscht, ohne dass grenzübergreifend Geld fließen musste. Unser Flug nach Moskau geht mit einem Zwischenstopp über Belgrad. Mit Vorfreude und Spannung einen Monat in Sibirien erwartend, bei den Verwandten und Freunden meiner Frau Niso, in der Baikal-Region, wo sie aufgewachsen ist und wir uns kennengelernt haben, stehen wir nun in der Abfertigungsschlange am Check-in-Schalter bei Air Serbia im neuen Flughafen Berlin-Brandenburg. Aleksander schläft an Nisos Brust, Maja drängelt, wann es nun endlich weitergeht und ich lege unsere vier Reisepässe auf die Ablage.

„Die deutschen Aufenthaltstitel von Ihrer Frau und Ihrer Tochter bräuchte ich bitte noch“, sagt die Damen hinter dem Schalter.

Ich reiche ihr die beiden geldkartengroßen Plastikdokumente, die sie vor sich ablegt. Mit einer unachtsamen versehentlichen Armbewegung wischt sie Majas Karte von Tisch; diese fällt in den schmalen, einen halben Zentimeter breiten Spalt zwischen Gepäckförderband und Schalter. Wir können das Dokument sehen, aber es ist unmöglich, es von dort mit der Hand oder auch einem Gegenstand wieder heraufzuholen.

Der Aufenthaltstitel ist für Ausländer wie eine Art Personalausweis. Ohne ihn kann Maja Deutschland weder verlassen noch wieder einreisen. Die Abfertigungsdame kratzt sich verlegen am Kopf, entschuldigt sich und greift zum Telefon, um einen Techniker zu rufen. Noch ist über eine Stunde Zeit bis zum Abflug. Unser Gepäck, eigentlich schon eingecheckt und mit einem Aufkleber versehen, nehmen wir vom Band wieder zurück. Falls wir das Flugzeug verpassen, soll es nicht ohne uns losfliegen.

Nach einer halben Stunde kommt der Techniker mit einem Schraubenzieher in der Hand und fängt an, die Verkleidung des Gepäcktransportbandes auseinanderzunehmen. Wir sind inzwischen die letzten Passagiere für den Flug nach Belgrad, hinter uns staut sich schon die Schlange für den nächsten Abflug und beobachtet neugierig das ungewöhnliche Ereignis.

„Soll ich helfen?“, frage ich den Schrauber am Transportband, „meine Hände sind schmaler als Ihre, vielleicht kann ich - “

„Sie machen hier gar nichts, wenn Sie sich an den scharfen Kanten verletzen, bekomme ich Ärger.“

Eine Viertelstunde später meint der Techniker, dass er leider weitere Kollegen mit größerem Werkzeug herbeiholen muss, da noch weitere Teile abzuschrauben sind, um zu der leider sehr unglücklich in eine unerreichbare Ritze gefallenen Plastikkarte vorzudringen. Der Schalterdame tut der Vorfall sehr leid, sie entschuldigt sich mehrfach bei mir und verspricht, dass das Flugzeug wartet.

Noch eine halbe Stunde bis zum Abflug, und wir haben den Check-in-Schalter immer noch nicht verlassen. Plötzlich stößt der Techniker einen erleichterten Seufzer aus und reicht mir das Dokument. Er hat es irgendwie hervorangeln können, auch ohne die Kollegen mit dem größeren Werkzeug.

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Das nervöse Warten weicht maximalem Tempo, sofern das mit Frau und zwei Kindern möglich ist. Im Davonstürmen glaube ich aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, wie Mitarbeiter unser Gepäck auf das benachbarte, nicht auseinandergeschraubte Transportband werfen – ich hätte etwas genauer hinschauen sollen, doch das wird sich erst später zeigen.

Warten am Security-Check. Handgepäck in den Kasten aufs Band, Inhalte der Taschen auch, Jacken aus, durch den Personenscanner. Handgepäck, Tascheninhalte und Jacken im Empfang nehmen. Die Babynahrung für Aleksander sorgt für Verzögerung, muss noch einmal herausgenommen werden und wird gesondert geprüft. Könnte ja flüssiger Sprengstoff sein.

Weiterhetzen, gefühlt einige Kilometer. Warten an der Passkontrolle. Dann mitten durch Duty-Free-Shops hindurch mit ihrem überflüssigen, aufdringlich glitzernden Warenangebot: Parfüm, Zigaretten, Süßigkeiten, Alkohol. Maja bleibt kurzzeitig zurück und weint, vielleicht weil sie denkt, das Flugzeug startet mit uns, aber ohne sie.

Fünf Minuten nach der Abflugzeit sind wir am Flugsteig. Tatsächlich, das Flugzeug steht noch da! Drei Plätze nebeneinander für uns sind reserviert. Wir sinken in die Sitze und kommen zur Besinnung. Die bevorstehende anderthalbstündige Reise nach Belgrad wird zum Glück ganz ruhig; Maja schläft, Aleksander blättert in der Bordzeitschrift, nuckelt an der Mutterbrust oder schläft auch. Nach einem kleinen Abenteuer zu Beginn der Reise sollte nun alles reibungslos verlaufen, schließlich habe ich alles wieder und wieder durchgeplant, überall mehr als genug Wartezeit einkalkuliert, das Taxi zum Hotel für die Zwischenübernachtung in Belgrad schon gebucht – der Fahrer wird auf uns mit einem Namensschild in der Hand am Flughafenausgang warten – und überhaupt alles getan, um Unvorhergesehenes zu vermeiden. Schließlich bin ich nicht mit mir selbst im Abenteuerurlaub, sondern als Familienmensch unterwegs. Da zählen die Bedürfnisse der anderen mindestens genauso wie meine.

Wir landen in der sommerheißen Hauptstadt Serbiens. Passkontrolle, Warten aufs Gepäck. Maja und Niso nehmen ihre Koffer im Empfang. Nach einer halben Stunde Herumstehen am leer vor sich hin rotierenden Gepäckband und einer Suchanfrage im Lost-and-Found-Büro wird klar, dass mein großer, mit Kleidung, Geschenken und Reiseproviant gefüllter Rucksack nicht mitgeflogen ist. Unser Taxi ist natürlich auch längst verschwunden.

Zum Glück habe ich eine Ersatz-Unterhose im Handgepäck, und für den dreifachen Preis findet sich auch ein anderer Fahrer. Die Frau an der Rezeption im serbischen Hotel spricht weder Deutsch noch Englisch noch Russisch, aber die bejahende Antwort auf die mit Händen gestellte Frage, ob das Leitungswasser trinkbar ist, verstehe ich auch so, und wie die Klimaanlage im Zimmer funktioniert, finden wir alleine heraus.

Dienstag, 23. August 2022

Kapitel II

 

Meine Frau und Maja sind russische Staatsbürger; ein Touristenvisum für Aleksander und mich zu bekommen war ohne Schwierigkeiten möglich. Auch der Grenzübertritt nach der Landung in Moskau erfolgte reibungslos, es gabt keine Fragen nach dem Warum und Wohin an mich als Ausländer aus einem westlichen Staat, wie es auf Russisch neuerdings heißt: nje druzheljubnaja strana – „nicht freundlich gesinntes Land“. Einen halben Tag Warten auf dem Flughafen Scheremetjewo, dann sechs Stunden Nachtflug nach Ulan-Ude. Nicht lange nach dem Start sehen wir aus dem Fenster, neben dem auf ausdrücklichen Wunsch Maja Platz genommen hat, einen leuchtend roten Streifen am östlichen Horizont, der immer intensiver wird und nach kurzer Zeit in die Tageshelligkeit übergeht. Bei langen Flügen Richtung Osten scheint es, als hat jemand die Nacht um ein Stück gekürzt: der Körper will noch schlafen, doch die Augen werden schon mit dem Sonnenschein überrascht.

 In der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien erwarten uns Regen und zwanzig Grad statt der üblichen kontinentalen Sommerwärme; nach der Hitze, die wir gerade in Deutschland erlebt haben, eine Erholung für uns. Bis vor zwei Jahren habe ich in dieser Stadt am Institut für Philologie und Massenkommunikation der Burjatischen Staatlichen Universität die deutsche Sprache und Landeskunde unterrichtet. An einem der nächsten Tage verabrede ich mich mit der Leiterin des Deutsch-Lehrstuhles an meinem ehemaligen Arbeitsplatz. Lena, eine großgewachsene, blonde Frau Mitte Vierzig, freut sich sehr, dass ich den Kontakt zu ihr und den Kollegen auch in ungewöhnlichen Zeiten halten möchte.

„Nach Russland reist jetzt nur noch, wer es wirklich möchte“, sage ich. Ein diplomatischer Satz, bilde ich mir ein, mit einer gewissen Sympathie und trotzdem mehrdeutig.

„Im September kommt ein neuer Jahrgang aus fünfzehn Studenten zu uns, weil wir kostenlose Studienplätze zugeteilt bekommen haben“, sagt Lena, „aber vielleicht ist das auch der letzte Jahrgang. Es wird mit jedem Jahr trauriger und trauriger. Die letzte Unterrichtspraktikantin von der Uni Wien wurde im März zur Abreise aufgefordert.“

Am Eingang des Institutsgebäudes jetzt ein Drehkreuz aufgestellt, das Gesicht eines mir unbekannten Wächters mustert mich skeptisch. Ansonsten scheint alles beim Alten im ehrwürdigen Institutsgebäude, die gleichen jahrzehntealten Bilder an den Wänden, der Aushang vor dem Lehrstuhl, den ich vor fünf Jahren erstellt hatte, mit dem damaligen Personalbestand und meinem längst nicht mehr existenten Studentenchor – doch halt, es gibt auch etwas Neues: ein interaktives Whiteboard in der Deutschen Bibliothek, gesponsert von der Deutschen Botschaft in Novosibirsk, und da begrüßt mich auch gleich Anatolij, Lenas Vorgänger im Amt, eigentlich längst in Rente.

„Da bemühen wir uns nun jahrelang, das Studium der deutschen Sprache hier voranzubringen, und dann ändern sich die Rahmenbedingungen so, dass eigentlich alles umsonst ist“, sage ich zu ihm und erinnere mich, dass schon zu meiner Zeit die Nachfrage nach Chinesisch- oder Koreanisch-Studienplätzen viel größer war als nach Deutsch. Mit den neuen Sanktionen nun ist der deutsch-russische Austausch so schwierig geworden, dass das Studium der deutschen Sprache für viele nicht mehr attraktiv erscheint.

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund“, sagt Anatolij. „Schwierige Zeiten! Warum wird jetzt auch noch der akademische Austausch kaputt gemacht?“

„Ich halte mich heraus aus der großen Politik“, antworte ich.

„Krim nasch!“, ruft der alte Herr energisch, „die Krim ist unser. Zu den übrigen Ereignissen habe ich meine eigene Meinung.“

Gern hätte ich diese Meinung erfahren, doch jetzt ist wohl nicht ganz der passende Moment, und so geht Lena mit mir auf den von den Füßen unzähliger Studentengenerationen rundgelutschten Treppenstufen nach oben in die zweite Etage. Ein durchdringender Geruch von stinkender Lackfarbe steht in der Luft: das übliche Überstreichen von Wänden und Geländern in den Sommerferien. Die Lehrstuhlleiterin zeigt mir stolz neue Schränke im Dozentenzimmer und in der Garderobe und schließt dann mein Büro auf. Obwohl es mich seit über zwei Jahren hier nicht mehr gibt, ist es immer noch mein Büro: nach mir ist kein anderer Dozent aus Deutschland gekommen, der es belegt und mit eigenem Leben gefüllt hätte.

„Immer wenn ich aufschließe, werde ich ganz traurig“, sagt Lena, „du fehlst uns!“

In dem kleinen Raum scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die links und rechts bis an die Decke ragenden Bücherregale, der Schreibtisch mit dem Drucker darauf, meine handschriftlichen Unterrichtsvorbereitungen – alles ist noch genau so, wie ich es im April 2020 verlassen hatte, in der heißen Anfangsphase der Corona-Zeit, als noch unklar war, ob uns die tödliche Seuche nicht morgen alle hinwegrafft und das Betreten des Institutsgebäudes plötzlich für alle verboten wurde.

„Schön, dass hier noch nicht alles aufgelöst wurde, vielleicht kommt ja wieder eine Lehrkraft aus Deutschland“, sage ich, obwohl ich weiß, wie wenig wahrscheinlich das ist. Die Bücher sind immer noch Eigentum der Bundesrepublik, die deutsche Organisation, die mich hierher entsendet hatte, hat den Standort Ulan-Ude nicht offiziell geschlossen, doch die Wiederbesetzung der Stelle steht in den Sternen. Und bald würde ein Deutschlehrer hier auch nichts mehr zu tun haben, weil es keine Studenten mehr geben wird.

Ich überreiche Lena die schick gebundene Magisterarbeit eines österreichischen Unterrichtspraktikanten, der zweimal hier war und für ihre Erstellung eine Umfrage unter den Deutsch-Studierenden durchgeführt hatte, außerdem eine aktuelle Sächsische Zeitung mit dem Großbrand an der Bastei als Titelthema.

„Es ist so schwer, in den aktuellen deutschen Medien Material für die Studenten zu finden, mit dem wir arbeiten können“, klagt die Lehrstuhlleiterin, „weil es überall nur um die Ukraine geht. Gäste aus Europa zu Konferenzen einladen können wir auch nicht mehr und nicht mal eine Profi-Version von Zoom kann man von Russland aus herunterladen.“

Nachdem Lena noch einmal ihre Einladung auf ihre Datsche am Baikalsee erneuert hat, verabschieden wir uns. Der mit Sockel fünfzehn Meter hohe Leninkopf auf dem Sowjetplatz schräg vor dem Institut ist noch immer an Ort und Stelle, versehen mit dem Plakat eines Panzers und einem großen „v“ für „victory“. Am Standesamt neben der Philharmonie prangt ein riesiges Banner Burjatia za pravdu, „Burjatien für die Wahrheit“ mit dem hervorgehobenen Buchstaben „z“ im zweiten Wort, das Zeichen für – je nach Sichtweise -  die Spezielle Militäroperation oder den Angriffskrieg in der Ukraine.

 


 "Burjatien für die Wahrheit" - der stilisierte Buchstabe "z" ist das Symbol für die "Militärische Spezialoperation" in der Ukraine

In Ulan-Ude steht das weltgrößte Leninkopf-Denkmal, nun geschmückt mit einem "v" für "victory" - für den Sieg in der Ukraine

Die Kollegen am Lehrstuhl, wo ich fünf Jahre lang unterrichtet habe, freuen sich über das Wiedersehen

 

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...