Mischa, 42 Jahre alt, ein großer Mann mit Stoppelbart und vom anstrengenden Alltag gefurchten und wettergegerbten Gesicht, arbeitet am Theologie-Lehrstuhl und überlässt mir bei unserem ersten Treffen einen Beutel voll Kleidung und ein Paar Schuhe, schließlich bin ich nur mit dem hier angekommen, was ich auf dem Leibe trage. Wir können einander gut zuhören und ausreden lassen, trotz oftmals entgegengesetzter Ansichten.
„Ein Land überfällt seinen Nachbarn. Das ist ungeheuerlich! Das gab es in Europa das letzte Mal 1941“, sage ich.
„Die Ukraine hat acht Jahre lang die russischsprachige Bevölkerung im Osten bombardiert und der Westen hat zugeschaut“, sagt Mischa.
„Wenn Russland die Separatisten nicht mit Waffen beliefert und die Abspaltung von Donezk und Lugansk unterstützt hätte, könnten die Menschen dort ein ganz normales Leben im ukrainischen Staat führen.“
„Der Westen verschließt die Augen vor den ukrainischen Nazis. Kennst Du das Motto „Ukraine über alles“? Es klingt wie im Dritten Reich.“
„Die Ukraine macht das, was auch Russland unter allen Umständen machen würde und in Tschetschenien gemacht hat: sie verteidigt die Integrität ihres Territoriums.“
Nun beginnt Mischa zu erklären, warum man Tschetschenien nicht mit der Ukraine vergleichen könne und der Krieg dort ein berechtigter Kampf gegen den Terrorismus gewesen sei – doch ich höre schon nicht mehr so genau hin. Ich habe den Eindruck, dass jeder sich aus dem Wald der Argumente und Fakten, Gegenargumente und alternativen Wahrheiten seine eigene Welt errichtet und dazu unbedingt auch die passenden YouTube-Videos findet, die belegen, dass die eigene Meinung die richtige ist und die anderen irren.
„Stimmt es, dass ich ins Gefängnis wandere, wenn ich die Militärische Spezialoperation als Krieg bezeichne?“, frage ich.
„Im privaten Gespräch kann jeder sagen, was er will“, meint Mischa, „aber niemand darf in der Öffentlichkeit gegen die Operation agitieren.“
„Ist es richtig, dass auch Grundwehrdienst-Leistende in den Krieg geschickt wurden, obwohl es hieß, dass dort nur Berufssoldaten kämpfen?“
„Ja, das gab es wohl und es rief sofort einen großen Skandal hervor. Nur kontraktniki, Berufssoldaten, kommen in die Ukraine. Da hat wohl jemand eine Anweisung Putins missachtet.“
Da ist er wieder, denke ich, der immer wieder durchscheinende Respekt vor dem Präsidenten: wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, geschieht das nicht wegen, sondern trotz Putin. Weil der Präsident eben nicht überall aufpassen und für Ordnung sorgen kann. Etwa zwei Drittel bis drei Viertel aller Russen unterstützen seinen Kurs in der Ukrainefrage, schätzt Mischa. Vom Rest – mit wahrscheinlich noch einem Großteil Gleichgültiger – ist in der Öffentlichkeit nichts zu sehen oder zu hören.
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| Meinem Freund Mischa (hier mit Familie) verdanke ich es, dass wir einen Monat lang ein Auto hatten. |
