Freitag, 19. August 2022

Kapitel VI

 

Das südsibirische Dorf – etwas verallgemeinert: das russische Dorf – unterscheidet sich grundsätzlich vom deutschen Dorf. Überall hat man hervorragenden Handyempfang, hinter jedem bewohnten Haus werden Viehhaltung und Gartenbau betrieben. Dafür gibt es keinen Asphalt, weder fließendes Wasser noch Kanalisation und keine geregelte Müllabfuhr. Das russische Dorf wird überwiegend von alten Menschen bewohnt und ist im Schwinden begriffen. In Jelan, dem Wohnort meiner Schwiegereltern, kommen auf ein bewohntes Haus zwei unbewohnte: solche, die vor nicht langer Zeit verlassen wurden und so aussehen, als könne man gleich wieder einziehen, und seit Jahrzenten vor sich hinrottende  Ruinen, windschief, vegetationsüberwuchert und halb eingestürzt, manchmal auch abgebrannt. Auf nicht genutzten Gartenflächen wuchert mannshoch die Sibirische Brennnessel mit den charakteristischen gefiederten Blättern, die deutlich unangenehmer brennen als bei den in Deutschland verbreiteten Arten. Die Dächer sind überwiegend aus Asbest-Wellpappe; der unter der Dachschräge liegende Raum wird nicht zum Wohnen genutzt oder ausgebaut, so dass die Häuser in der Regel nur eine – zum Erdboden etwas erhöht liegende – Ebene haben, unter welcher sich der pogreb befindet, der Keller zur Gemüselagerung.

Das Wegwerfen größerer Gegenstände ist unüblich, man könnte sie ja noch einmal gebrauchen. Entsprechend haben viele Ecken auf den Grundstücken oder in den Nebengebäuden Ähnlichkeit mit Sperrmüll-Lagern.

 

Das silberfarben lackierte Pitnaschka – „Fünfzehner“ – genannte Auto, in dem wir uns auf den Weg von der Stadt ins Dorf machen – in Deutschland eher bekannt unter seiner Namensbezeichnung Lada Samara – ist mir vertraut wie ein alter Bekannter. Ich hatte es in Ulan-Ude gekauft, ein Jahr lang gefahren und dann meinem Bekannten Mischa überlassen, der es mir nun wieder für einen Monat zur Verfügung stellt. Mischa hat es hinten höherlegen lassen, um besser durch die Schlaglöcher zu kommen, der kleine schwarze Spoiler auf der Motorhaube ist inzwischen abgefallen, ansonsten ist alles beim Alten: das Lenken verlangt mangels Servolenkung etwas Körpereinsatz, auf längeren Holperstrecken springt der Ganghebel von selbst in die Neutralstellung und die Kofferraumklappe wird nach dem Öffnen mit einem Brett fixiert. Wer weniger wohlhabend ist wie Mischa, fährt sein Auto, bis es auseinanderfällt, so etwas wie einen TÜV gibt es nicht oder nur theoretisch, auf dem Papier.

 

Zu Ehren unserer Ankunft möchte mein Schwiegervater Nikolai ein Schaf schlachten, ich darf dabei sein. Zunächst muss er jedoch noch zwei Tage auf dem landwirtschaftlichen Betrieb in der Nachbarschaft seine Schicht ableisten, sich um die Melktechnik kümmern und nachts das Vieh bewachen, damit es keiner klaut. Eigentlich wollte Nikolai dort schon längst aufgehört haben, es ist eine anstrengende Arbeit und er auch nicht mehr der Jüngste. Aber seine Zuverlässigkeit und Nüchternheit werden geschätzt, und mit einer Lohnerhöhung konnte er dann doch zum Bleiben bewegt werden. Jetzt verdient er 15000 Rubel monatlich, mehr als die 13500 Rubel Grundrente, die noch dazukommt. Das Geld bringt der Postbote jeden Monat in bar vorbei. Ein Konto haben bei Weitem nicht alle.

Der braungebrannte, breitschultrige gebürtige Tadschike kommt zwischen den beiden Schichten kurz auf dem Pferd nachhausegeritten, um seinen neuen Enkel Aleksander zu begrüßen. Der lässt sich von seinem Opa gern auf den Arm nehmen, schließlich strahlt er gute Laune aus und ist für einen Scherz immer zu haben. Am nächsten Morgen dann ist Nikolai wieder zur Stelle, um seinen Besuch gebührend zu empfangen. Im Stall hinter dem Haus blöken vier Schafe. Bald werden es nur noch drei sein.

„Gibt es in Deutschland frisches Schafsfleisch?“, fragt mein Schwiegervater.

„Ich kenne Fleisch fast nur verpackt aus dem Supermarkt“, antworte ich.

Wir drängen die Schafe in eine Ecke des Stalls, dann packt Nikolai den braunen, ein Jahr alten Hammel am Hinterbein. Wir tragen ihn in eine Ecke des Gartens, wo die Frauen nicht vorbeikommen, denen das nun Folgende verboten ist zu sehen. Mein Schwiegervater ist Moslem, geschlachtet wird deshalb halal. Dem Hammel werden die Beine zusammengebunden, reglos liegt er im Gras. Ein islamisches Gebet ist das letzte, was an seine Ohren dringt, dann wird ihm mit dem Messer die Kehle durchgeschnitten. Erst nachdem zwei Kochtöpfe voll Blut herausgeflossen sind, durchschneidet Nikolai dem Tier das Rückenmark, womit es endgültig bewusstlos wird. Dann wuchten wir den Körper in die Höhe und hängen ihn an einem am Hinterbein befestigten Strick an eine Holzlatte des Stalles.

„Dir wird nicht übel? Maladjéz. Es gibt kräftige Männer, die bei so einem Anblick in Ohnmacht fallen“, sagt der Schwiegervater und beginnt mit dem Abziehen des Felles.

Ich erinnere mich an die Kuh vor etwa drei Jahren, bei deren Zerlegung Nikolai vor lauter Mückenschwärmen aus dem Fluchen gar nicht mehr herausgekommen waren, während ich die nervigen Insekten fast ungerührt ertragen hatte. Auch das hatte mir ein Lob eingebracht. Vielleicht wäre ich für das Leben auf dem sibirischen Dorf doch gar nicht so ungeeignet.

Nach zwanzig Minuten hängt der Körper ohne Kopf und Fell am Zaun, ein leerer Mehlsack dazwischen soll verhindern, dass Dreck von der Holzlatte ans Fleisch kommt.

„Schlachten die Leute auf dem Dorf bei euch auch?“, fragt Nikolai.

Ich erzähle ihm etwas von Veterinärkontrollen, Fleischbeschauen und Hygiene-Genehmigungen und ernte grinsendes Kopfschütteln. Aus dem aufgeschlitzten Bauch quellen die prall gefüllten Därme, die für den Hund in eine Schüssel wandern. Mein Schwiegervater erklärt mir, um was für Organe es sich bei den anderen für mich undefinierbar wabernden Gewebemassen handelt. „In meiner Heimat würde man die alle verwenden“, sagt er, „aber hier macht sich niemand die Mühe.“

„Was die Heimat betrifft“, sage ich, die Chance der Überleitung zu einer Frage nutzend, die mich schon länger interessiert, „werden Sie wieder nach Tadschikistan zurückgehen?“ Ich sieze meinen Schwiegervater konsequent, ein wenig Respektbekundung mag er wohl. Von ihm werde ich natürlich geduzt. Asymmetrische Anrede nennt man das in der Sprachwissenschaft.

Fell und Eingeweide sind entfernt, jetzt wird das brauchbare Fleisch in handlichen Stücken mit dem Messer abgetrennt oder mit einem kleinen Beil abgeschlagen. Nur noch ein Hinterschenkel baumelt am Strick. Er kommt an die Hängewaage: zwei Kilo. Was nach der Faustregel bedeutet, dass der ganze Hammel zwanzig Kilo an Fleisch abgeworfen hat. Neuntausend Rubel wäre das lebende Tier wert gewesen.

„Ja, um zu sterben vielleicht“, sagt Nikolai. „Die Hitze im Sommer ertrage ich nicht, außerdem gibt es in Tadschikistan keine Arbeit.“

„Leider weiß man nicht vorher, wann es soweit ist“, meine ich.

Die Schlachtstelle wird gereinigt – nun dürfen auch die Babuschka, meine Frau und die Enkelin wieder hier vorbei – und das gute Fleisch in die Tiefkühltruhe geworfen, bis auf das Kilo, was in den Topf wandert. Heute Mittag wird es in der kürzlich fertiggestellten Sommerlaube im Garten frisches gekochtes Schafsfleisch mit viel Brühe geben und dazu von Oma gebackene Lepjoschki und heute Abend noch einmal gegrillte Rippchen.

Nach dem Abendessen sitzen wir im Wohnzimmer, und da der Fernseher gerade vom Netz genommen ist, da es – eine nicht allzu häufige Erscheinung – gewittert, hole ich die zwei Blockflöten von mir und meiner Frau hervor. Wir spielen nach Noten ein paar Duos, Aleksander tanzt dazu und der Schwiegervater erinnert sich an seine jungen Jahre, als er auf tadschikischen Hochzeiten Flöte – meistens wohl Querflöte – und Klarinette spielte. Nach der Flucht nach Russland hat er wohl kein Instrument mehr angefasst.

„Alles verlernt“, sagt Nikolai und seufzt.

Schließlich nimmt er doch eine unserer Flöten zur Hand, nach kurzem Probieren erinnern sich die Finger, und das Holzhaus im sibirischen Dorf wird erfüllt vom durchdringenden Pfeifen einer improvisierten, exotischen Melodie.

Die Reise ins russische Dorf ist immer auch ein wenig eine Zeitreise. Ohne Telefone, Autos und Strom wäre man wahrscheinlich ganz in der Nähe des 19. Jahrhunderts.




Aleksander hat Bekanntschaft mit seinen Großeltern mütterlicherweits gemacht

Herzlich willkommen in Jelan - das südsibirische Dorf, in dem meine Frau ihre Jugend verbracht hat


Mein Schwiegervater schlachtet ein Schaf "halal" - nach muslimischen Regeln



Wenig später ist die köstliche Schafsuppe fertig und die Familie wird zu Tisch gebeten

 

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...