Sonntag, 14. August 2022

Kapitel XI

 

Meine Frau lernt seit einiger Zeit Blockflöte und ich möchte ihr in Russland gern eine Svirél kaufen, eine sibirische Flöte. Wie die Blockflöte gibt es sie mit sieben Löchern auf der Vorder- und einem auf der Rückseite, aber vermutlich klingt sie ganz anders, viel schöner, geheimnisvoller und sibirischer. Erwartungsvoll betrete ich in Ulan-Ude ein Musikgeschäft. An den Wänden reihen sich Gitarren und Ukulelen aller Farben, Formen und Größen, weit und breit ist kein Blasinstrument in Sicht.

„Ich möchte gern eine Svirel bestellen“, sage ich.

„Das ist möglich“, sagt der Verkäufer, „kommen Sie morgen wieder, dann kann ich Ihnen Näheres sagen.“

Am nächsten Tag bin ich wieder da.

„Ich möchte gern eine Svirel bestellen“, sage ich.

„Das ist möglich“, sagt der Verkäufer, „die Flöte kostet zweitausend Rubel und der Versand wahrscheinlich auch zweitausend Rubel. Aus Sankt Petersburg.“

„Das ist mir zu viel für den Versand“, sage ich.

„Kommen Sie morgen wieder, dann kann ich Ihnen Näheres sagen“, sagt der Verkäufer.

Am nächsten Tag bin ich wieder da.

„Ich möchte gern eine Svirel bestellen“, sage ich.

„Der Preis für die Flöte hat sich leider erhöht. Sie kostet dreitausend Rubel. Dafür kostet der Versand nur eintausend Rubel. Per Luftpost. In zwei Tagen ist sie da.“

Hocherfreut willige ich in die Bestellung ein.

Eine Woche später bin ich wieder da.

„Ich möchte gern die Svirel abholen“, sage ich.

„In zwei Tagen ist sie da“, sagt der Verkäufer.

Menschen, die ihre Meinung nicht ständig ändern, haben meine Hochachtung. In zwei Tagen ist sie da – das ist doch mal eine Ansage, ein fester Standpunkt, der sich dem Wandel der Zeit nicht anpassen muss. Mir fällt der alte Sowjet-Witz ein: die goldene Zukunft steht kurz bevor – so war es gestern, so ist es heute und so wird es morgen sein.

Zwei Tage später bin ich wieder da.

„Ich möchte gern die Svirel abholen“, sage ich freundlich, „soll ich vielleicht in zwei Tagen wiederkommen?“

Die Antwort ist erstaunlich. „Die Svirel ist in unserer Filiale am anderen Ende der Stadt. Morgen ist sie da.“

Am nächsten Tag hält meine Frau die Flöte tatsächlich in den Händen. Das Instrument aus hellem Holz, hergestellt in der Nähe von Krasnojarsk, besteht aus einem Stück – ohne, wie bei Blockflöten üblich, abnehmbarem Kopfteil – und duftet angenehm nach Öl. Mit seiner weiten Bohrung und dem kräftigen Klang in den Tiefen ähnelt die Svirel einer europäischen Renaissance-Flöte.

 

 

Ich unternehme einen Spaziergang mit Timur, einem jungen Burjaten, der Kunstgeschichte studiert und sich sehr für die deutsche Kultur und Sprache interessiert.

„Um es ehrlich und offen zu sagen“, meint Timur, „das Werk ‚Die Leiden des jungen Werther‘ von Johann Wolfgang von Goethe finde ich ein wenig langweilig. Zu welcher Ansicht sind Sie über dieses Buch gekommen?“

Ich weiß schon nicht mehr, zu welcher Ansicht ich über dieses Buch gekommen bin. ‚Die Leiden des jungen Werther‘ habe ich irgendwann vor zehn Jahren gelesen. Aber ich weiß, dass ich etwas anderes bemerkenswert finde: wie gewählt und fehlerfrei Timur Deutsch spricht.

„Wie finden Sie ‚Maria Stuart‘ von Schiller? Und ‚Kabale und Liebe‘? Ich schätze diesen großen deutschen Dichter außerordentlich und vertiefe mich mit Vergnügen in sein Schaffen.“

Ich gestehe, dass ich mich von allen Schillerschen Dramen eigentlich nur an die ‚Räuber‘ erinnern kann und spreche dem jungen Burjaten ein Lob aus: sein Deutsch ist besser als das der meisten meiner ehemaligen Studenten hier, die diese Sprache im Hauptfach studiert hatten. Timur wehrt ab.

„Oh nein, mein Deutsch bedarf noch der weiteren Verbesserung. Sagen Sie bitte, kommen Ihre Ahnen auch aus Sachsen?“

Wenn man eine Sprache nur aus Büchern lernt, kann es schon einmal passieren, dass das eine oder andere Wort dabei ist, das in der gesprochenen Kommunikation weniger verwendet wird. Ich erkläre Timur, dass man eigentlich ‚Vorfahren‘ sagen würde und dass die meinen tatsächlich alle Sachsen waren, von einem kleinen Einschlag aus Bayern abgesehen.

Wir sind an der Brauerei angekommen, wo mein Gesprächspartner in den Sommerferien im Lager arbeitet und trinken einen Kwass, das klassische russische Erfrischungsgetränk aus vergorenem Brot.

„Deutschland ist eine herausragende Nation auf dem Gebiet des Fußballs. Welche Spieler der Nationalmannschaft genießen Ihre besondere Hochachtung?“

Ich gestehe ein, dass auf dem Gebiet des Fußballs nicht meine Leidenschaft liegt.

„Deutschland ist ein Land mit einer ungewöhnlich großen Auswahl an auserlesenen Biersorten. Welche Marken bevorzugen Sie gewöhnlich?“

Schon wieder kann ich keine erschöpfende Antwort geben, da ich keinen Alkohol trinke und nur hin und wieder ein alkoholfreies Hefeweizen konsumiere. Als unser Spaziergang zu Ende ist, bin ich fast ein wenig erleichtert. Timur soll selbst kommen und sich ein Bild von seinem Lieblingsland vor Ort machen! Ich lade ihn nach Königstein ein und wir verabschieden uns; in seinem erfreuten Gesicht lese ich, dass ich gerade einen Menschen glücklich gemacht habe. Die Gelegenheit, mit einem echten Deutschen zu sprechen, gibt es in Ulan-Ude jetzt kaum noch.

 

Meine Frau und ich haben sich in Ulan-Ude beim Tangotanzen kennengelernt. In fast jeder größeren russischen Stadt gibt es wohl eine – wenn auch kleine – Tanzschule, die Kurse in argentinischem Tango anbietet, die Milonga genannten Tanzabende veranstaltet und hin und wieder einen Argentinier einlädt, der einen Workshop, eine Masterklass, durchführt. Nisos beste Freundin Olga ist DJ in der Tanzschule Latino Baikal, in der meine Frau jahrelang ihre Tanzkunst perfektioniert hat und jetzt tränenreich wie ein altes Familienmitglied begrüßt wird.

Während Niso tanzt, passe ich auf den kleinen Aleksander auf. Dann tauschen wir die Rollen. Zunächst mache ich am Buffet einen Tee und schiebe mir ein Stück Kuchen in den Mund. Bevor ich dazu komme, die auf eine Aufforderung wartenden Damen zu mustern, kommt Artur auf mich zu, Pianist am Kunst-Kollege und an der Ballettschule, ein intelligenter Mann mit sanfter Stimme und feinen Gesichtszügen. Er erkundigt sich, auf welchen Wegen wir es nach Russland geschafft haben und erzählt von seiner Verwandten in Dnjepropetrowsk, einer noch von der Ukraine gehaltenen Großstadt im Osten des Landes.

„Eine furchtbare Propaganda, die dort betrieben wird“, sagt er, „man hält uns Russen gar nicht für Menschen, sondern für schreckliche Ungeheuer. Wie ist es in Deutschland? Stimmt es, dass man Russland dort allen Ernstes für den Krieg verantwortlich macht?“

Ich lächle einer hübschen jungen Frau in weinrotem Kleid mit tiefem Rückenausschnitt zu und finde mich wenige Augenblicke später auf der Tanzfläche wieder. Obwohl ich zwei Jahre lang nicht mehr getanzt habe, scheinen meine Füße es noch nicht verlernt zu haben. Nach ein paar Liedern fängt es richtig an Spaß zu machen, doch dann ist die Tanda auch schon zu Ende und Partnerwechsel angesagt. Die junge Frau umarmt mich kurz zum Abschied, ich eile zu Aleksander. Niso wirbelt noch einmal übers Parkett, dann wird der Kleine unruhig und wir müssen nachhause.

 

Gleich am Tag unserer Ankunft in Ulan-Ude war mein Bekannter Maxim zu uns gekommen, ein großer, schwarzhaariger Burjate, der als Bass-Sänger am Operntheater in Ulan-Ude tätig ist. Das letzte Jahr hat er im westrussischen Saratow an der dortigen Oper verbracht; nun ist Maxim wieder in seiner Heimatstadt bei der Mutter eingezogen. Ebenso wie ich lernt er seit einiger Zeit das Trompetespielen und hatte mir für die Dauer unseres Aufenthaltes eine silbern glänzende Trompete aus Leningrad ausgeliehen, mit etwas schwergängigen Ventilen und einigen verbeulten Stellen, aber sonst ganz brauchbar.

Nun fahren wir ein paar Kilometer aus der Stadt heraus und versuchen, in der Steppe ein wenig im Duo zu musizieren, dort, wo wir meinen, niemanden zu stören und nicht aufzufallen. Dann eröffnet mir Maxim, dass er gern ein zum Verkauf stehendes Auto besichtigen möchte, ob ich nicht dabeisein könne?

Maxim hat den Führerschein, ist aber schon seit vielen Jahren nicht mehr gefahren. Als ich ihn einmal ans Steuer meines Lada Niva gelassen hatte, lenkte er uns beide einige Meter nach unten in den Straßengraben, an einer zweihundert Kilometer von der Stadt entfernten Stelle ohne Handyempfang. Zum Glück waren sofort Straßenarbeiter zur Stelle und zogen uns mit schwerem Gerät heraus.

„Du nimmst sicher ein paar Fahrstunden, ehe Du wieder allein Auto fährst?“, sage ich.

Maxim beruhigt mich. Ich habe von Pkw-Technik keine Ahnung, was mich zum idealen Begleiter bei Maxims Autokauf macht: er selbst hat überhaupt gar keine Ahnung, also noch einmal deutlich weniger als ich. Wir schauen uns einen dreißig Jahre alten Toyota an, im Gegensatz zu den meisten japanischen Pkws hier mit dem Steuer auf der linken Seite; mein Blick schweift mit fachmännisch-skeptischem Stirnrunzeln über den Motor, ohne etwas zu erkennen; die Finger prüfen rostig erscheinende Stellen an der Karosserie. Ich drücke meine Verwunderung über den für das Alter des Autos niedrigen Kilometerstand aus und wir machen eine Probefahrt mit Maxim am Steuer, deren Ende ich mit großer Erleichterung aufnehme.

Er wolle überlegen, sagt der Opernsänger dem Verkäufer und fragt mich etwas später, ob ich ihm denn nun zum Kauf raten würde.

„Ich kann nicht für den einwandfreien technischen Zustand garantieren“, sage ich, „aber Auto reparieren erweitert auf jeden Fall den Horizont und es ergeben sich viele spannende Begegnungen auf der Suche nach Mechanikern und Ersatzteilen. So war es jedenfalls bei mir. Nur zu!“

Timur spricht besser Deutsch als meine Studenten, obwohl er ein ganz anderes Fach studiert, und möchte meine Meinung zu Schiller, Bier und Fußball wissen

Opernsänger und Hobbytrompeter Maxim sucht meine Unterstützung beim Autokauf

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...