Dienstag, 23. August 2022

Kapitel II

 

Meine Frau und Maja sind russische Staatsbürger; ein Touristenvisum für Aleksander und mich zu bekommen war ohne Schwierigkeiten möglich. Auch der Grenzübertritt nach der Landung in Moskau erfolgte reibungslos, es gabt keine Fragen nach dem Warum und Wohin an mich als Ausländer aus einem westlichen Staat, wie es auf Russisch neuerdings heißt: nje druzheljubnaja strana – „nicht freundlich gesinntes Land“. Einen halben Tag Warten auf dem Flughafen Scheremetjewo, dann sechs Stunden Nachtflug nach Ulan-Ude. Nicht lange nach dem Start sehen wir aus dem Fenster, neben dem auf ausdrücklichen Wunsch Maja Platz genommen hat, einen leuchtend roten Streifen am östlichen Horizont, der immer intensiver wird und nach kurzer Zeit in die Tageshelligkeit übergeht. Bei langen Flügen Richtung Osten scheint es, als hat jemand die Nacht um ein Stück gekürzt: der Körper will noch schlafen, doch die Augen werden schon mit dem Sonnenschein überrascht.

 In der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien erwarten uns Regen und zwanzig Grad statt der üblichen kontinentalen Sommerwärme; nach der Hitze, die wir gerade in Deutschland erlebt haben, eine Erholung für uns. Bis vor zwei Jahren habe ich in dieser Stadt am Institut für Philologie und Massenkommunikation der Burjatischen Staatlichen Universität die deutsche Sprache und Landeskunde unterrichtet. An einem der nächsten Tage verabrede ich mich mit der Leiterin des Deutsch-Lehrstuhles an meinem ehemaligen Arbeitsplatz. Lena, eine großgewachsene, blonde Frau Mitte Vierzig, freut sich sehr, dass ich den Kontakt zu ihr und den Kollegen auch in ungewöhnlichen Zeiten halten möchte.

„Nach Russland reist jetzt nur noch, wer es wirklich möchte“, sage ich. Ein diplomatischer Satz, bilde ich mir ein, mit einer gewissen Sympathie und trotzdem mehrdeutig.

„Im September kommt ein neuer Jahrgang aus fünfzehn Studenten zu uns, weil wir kostenlose Studienplätze zugeteilt bekommen haben“, sagt Lena, „aber vielleicht ist das auch der letzte Jahrgang. Es wird mit jedem Jahr trauriger und trauriger. Die letzte Unterrichtspraktikantin von der Uni Wien wurde im März zur Abreise aufgefordert.“

Am Eingang des Institutsgebäudes jetzt ein Drehkreuz aufgestellt, das Gesicht eines mir unbekannten Wächters mustert mich skeptisch. Ansonsten scheint alles beim Alten im ehrwürdigen Institutsgebäude, die gleichen jahrzehntealten Bilder an den Wänden, der Aushang vor dem Lehrstuhl, den ich vor fünf Jahren erstellt hatte, mit dem damaligen Personalbestand und meinem längst nicht mehr existenten Studentenchor – doch halt, es gibt auch etwas Neues: ein interaktives Whiteboard in der Deutschen Bibliothek, gesponsert von der Deutschen Botschaft in Novosibirsk, und da begrüßt mich auch gleich Anatolij, Lenas Vorgänger im Amt, eigentlich längst in Rente.

„Da bemühen wir uns nun jahrelang, das Studium der deutschen Sprache hier voranzubringen, und dann ändern sich die Rahmenbedingungen so, dass eigentlich alles umsonst ist“, sage ich zu ihm und erinnere mich, dass schon zu meiner Zeit die Nachfrage nach Chinesisch- oder Koreanisch-Studienplätzen viel größer war als nach Deutsch. Mit den neuen Sanktionen nun ist der deutsch-russische Austausch so schwierig geworden, dass das Studium der deutschen Sprache für viele nicht mehr attraktiv erscheint.

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund“, sagt Anatolij. „Schwierige Zeiten! Warum wird jetzt auch noch der akademische Austausch kaputt gemacht?“

„Ich halte mich heraus aus der großen Politik“, antworte ich.

„Krim nasch!“, ruft der alte Herr energisch, „die Krim ist unser. Zu den übrigen Ereignissen habe ich meine eigene Meinung.“

Gern hätte ich diese Meinung erfahren, doch jetzt ist wohl nicht ganz der passende Moment, und so geht Lena mit mir auf den von den Füßen unzähliger Studentengenerationen rundgelutschten Treppenstufen nach oben in die zweite Etage. Ein durchdringender Geruch von stinkender Lackfarbe steht in der Luft: das übliche Überstreichen von Wänden und Geländern in den Sommerferien. Die Lehrstuhlleiterin zeigt mir stolz neue Schränke im Dozentenzimmer und in der Garderobe und schließt dann mein Büro auf. Obwohl es mich seit über zwei Jahren hier nicht mehr gibt, ist es immer noch mein Büro: nach mir ist kein anderer Dozent aus Deutschland gekommen, der es belegt und mit eigenem Leben gefüllt hätte.

„Immer wenn ich aufschließe, werde ich ganz traurig“, sagt Lena, „du fehlst uns!“

In dem kleinen Raum scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die links und rechts bis an die Decke ragenden Bücherregale, der Schreibtisch mit dem Drucker darauf, meine handschriftlichen Unterrichtsvorbereitungen – alles ist noch genau so, wie ich es im April 2020 verlassen hatte, in der heißen Anfangsphase der Corona-Zeit, als noch unklar war, ob uns die tödliche Seuche nicht morgen alle hinwegrafft und das Betreten des Institutsgebäudes plötzlich für alle verboten wurde.

„Schön, dass hier noch nicht alles aufgelöst wurde, vielleicht kommt ja wieder eine Lehrkraft aus Deutschland“, sage ich, obwohl ich weiß, wie wenig wahrscheinlich das ist. Die Bücher sind immer noch Eigentum der Bundesrepublik, die deutsche Organisation, die mich hierher entsendet hatte, hat den Standort Ulan-Ude nicht offiziell geschlossen, doch die Wiederbesetzung der Stelle steht in den Sternen. Und bald würde ein Deutschlehrer hier auch nichts mehr zu tun haben, weil es keine Studenten mehr geben wird.

Ich überreiche Lena die schick gebundene Magisterarbeit eines österreichischen Unterrichtspraktikanten, der zweimal hier war und für ihre Erstellung eine Umfrage unter den Deutsch-Studierenden durchgeführt hatte, außerdem eine aktuelle Sächsische Zeitung mit dem Großbrand an der Bastei als Titelthema.

„Es ist so schwer, in den aktuellen deutschen Medien Material für die Studenten zu finden, mit dem wir arbeiten können“, klagt die Lehrstuhlleiterin, „weil es überall nur um die Ukraine geht. Gäste aus Europa zu Konferenzen einladen können wir auch nicht mehr und nicht mal eine Profi-Version von Zoom kann man von Russland aus herunterladen.“

Nachdem Lena noch einmal ihre Einladung auf ihre Datsche am Baikalsee erneuert hat, verabschieden wir uns. Der mit Sockel fünfzehn Meter hohe Leninkopf auf dem Sowjetplatz schräg vor dem Institut ist noch immer an Ort und Stelle, versehen mit dem Plakat eines Panzers und einem großen „v“ für „victory“. Am Standesamt neben der Philharmonie prangt ein riesiges Banner Burjatia za pravdu, „Burjatien für die Wahrheit“ mit dem hervorgehobenen Buchstaben „z“ im zweiten Wort, das Zeichen für – je nach Sichtweise -  die Spezielle Militäroperation oder den Angriffskrieg in der Ukraine.

 


 "Burjatien für die Wahrheit" - der stilisierte Buchstabe "z" ist das Symbol für die "Militärische Spezialoperation" in der Ukraine

In Ulan-Ude steht das weltgrößte Leninkopf-Denkmal, nun geschmückt mit einem "v" für "victory" - für den Sieg in der Ukraine

Die Kollegen am Lehrstuhl, wo ich fünf Jahre lang unterrichtet habe, freuen sich über das Wiedersehen

 

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...