Mittwoch, 10. August 2022

Kapitel XV

 

 

Irgendetwas ist anders als sonst bei der Passkontrolle. Vor der langen Reihe der Schalter im Flughafen Scheremetjewo, an denen die Dokumente zur Ausreise gesichtet und gestempelt werden, stehen neben unserer Schlange unschlüssig Wartende herum und drehen kleine rot-blau-weiße Fähnchen zwischen den Fingern, während freundliche Uniformierte ihnen irgendetwas erklären. Im Hintergrund erklingt leise die russische Nationalhymne. Urkunden und Orden scheinen verteilt zu werden, Unsicherheit und Festlichkeit gleichzeitig in der Luft zu liegen. Als das grüne Lämpchen an der Kabine vor uns leuchtet, treten wir in den Durchgang und legen dem Grenzbeamten unsere vier Pässe auf die Ablage. Nach einem kurzen Blick auf die russischen Reisepässe von Niso und Maja legt der junge Mann diese wieder vor uns zurück und verweist kopfschüttelnd auf einen Aushang auf der Glasscheibe vor sich. „Befehl des Präsidenten der Russischen Föderation vom 18.8.“, lese ich, „Im Rahmen des Programmes zur Förderung des Patriotismus und der Entwicklung der ländlichen Regionen ist Staatsbürgern der Russischen Föderation die Ausreise bis auf Weiteres nicht mehr gestattet.“ Darauf folgt etwas Kleingedrucktes, das ich schon nicht mehr aufnehmen kann, da ich gleichzeitig fieberhaft überlege, welches Datum heute ist, mir scheint, der neunzehnte. Das Knallen eines Stempels dringt an mein Ohr, dann halte ich meinen Pass mit dem Ausreisevermerk in der Hand und werde von einer Hand an der Schulter nach vorne gezogen. Noch immer verstehe ich nicht, was gerade passiert. Eine freundlich lächelnde Dame überreicht meiner Frau ein A4-Blatt, auf dem ich die Worte „Dankesurkunde für den freiwilligen Ausreiseverzicht“ erspähe, Maja bekommt ein russisches Fähnchen. Dann finde ich mich plötzlich weit entfernt von meiner Familie auf der anderen Seite der Halle wieder und sehe die drei mir mit ausdruckslosem Gesicht zuwinken. Was ist mit Aleksander, will ich rufen, er ist doch auch deutscher Staatsbürger, doch statt Worten bildet sich ein beißender Schmerz in meinem Mund. Mir fällt ein, dass es sicher auch dafür eine pragmatische Lösung gibt, etwa eine Einbürgerung im Eilverfahren, schließlich freut sich der russische Staat über jeden neuen Patrioten, der sich unter seinen Schutz begibt. Der Schmerz im Mund schwillt an, mir wird schwarz vor Augen und plötzlich spüre ich Nisos Hand an meiner Schulter.

Was denn los sei, möchte sie wissen, ich hätte Aleksanders Namen gestöhnt.

Ich nehme im Dunkeln die Konturen des Hotelzimmers wahr und spüre große Erleichterung. Ein Blick auf die Wanduhr: drei Uhr nachts. Bis zur Abfahrt zum Flughafen Scheremetjewo sind noch ein paar Stunden Zeit.

Nein, nichts, sage ich und greife zur Ibuprofen-Packung, es ist nur das Zahnfleisch. Ich will versuchen, noch ein wenig zu schlafen.

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...