Aleksander saugt an der Mutterbrust und schläft ein. Auch nachdem er aufgehört hat zu saugen, behält er die Brust im Mund und fängt an zu schreien, wenn Niso einen Versuch unternimmt, sie wegzuziehen und aufzustehen. Ein Nuckel wird nicht akzeptiert. Mein Sohn, 14 Monate alt, lässt sich nicht mit künstlichem Ersatz abspeisen. Also bleibt meine Frau in der Mittagspause liegen. Ein nerviger Fliegenschwarm surrt im Zimmer des Dorfhauses herum und setzt sich immer wieder auf freie Hautstellen, leise im Hintergrund murmelt die Geräuschkulisse des Fernsehers aus dem durch eine Holzwand getrennten Wohnzimmer herüber. Ich hänge zwei Bänder des „Klebriger Tod“ genannten Anti-Fliegenmittels auf und werfe einen Blick zu Maja. Wie hypnotisiert sitzt das Mädchen im Halbdunkel vor dem riesigen Flachbildschirm. Links unten ist gerade ein Zeichen in den Film eingeblendet: „16+“.
„Ich schaue manchmal nicht hin“, sagt die 11-jährige.
In den nächsten ein, zwei Wochen, die sie bei Oma und Opa auf dem Dorf ist, wird sich Maja all das holen, was sie bei uns zuhause nicht bekommt: Spielen mit den Katzen und kleinen Cousins und Cousinen im Garten, ein Tag mit endlosem Ausschlafen, ungeregelten Mahlzeiten mit vielen Süßigkeiten und Fernsehen. Das ist die Welt der Großeltern und ein wohl überall gültiges Gesetz: die alten Menschen haben ihre Strenge bei den eigenen Kindern aufgebraucht, und ihre Liebe für die Enkel kennt keine Regeln und keine Rahmen mehr. Trotz allem habe ich die Hoffnung, dass meiner Tochter langweilig wird und sie sich freut, wenn wir sie abholen werden.
Maja taucht auf unserer Reise wieder ein ins Russische. Das ist wichtig, denn in Deutschland hat sie ihre Muttersprache schon begonnen zu verlernen. Ein Jahr hat es gedauert, bis sie fließend Deutsch konnte; ihre Klassenkameraden in der neuen fünften Klasse haben erst nach ein paar Wochen gemerkt, dass ihre Mitschülerin eigentlich mit einer anderen Sprache aufgewachsen ist. Wenn sie jetzt von der Schule nachhause kommt und lossprudelt von ihren Erlebnissen, bemüht sich Niso oft vergeblich, alles zu verstehen und fragt auf Russisch nach – und Maja kann es ihr nicht übersetzen. Sie denkt und handelt auf Deutsch.
Um zu erreichen, dass meine Tochter nach drei Bänden von Cornelia Funke und der „Roten Zora“ auch einmal wieder ein Buch auf Russisch zur Hand nimmt, hatte ich mit ihr eine Buchhandlung aufgesucht. Während ich vergeblich nach der zensurbedingten Neuauflage des berühmten Romans von Lew Tolstoj „Spezialoperation und Frieden“ Ausschau gehalten hatte, war Maja für sich fündig geworden – doch jetzt bei Oma haben die Bücher Pause.
In Jelan wohnt auch Ljoscha, der jüngste von Nisos vier Brüdern. Der junge Mann mit dem rundlichen, weichen Gesicht und der sanften Stimme ist mit seiner Frau Galja und zwei kleinen Kindern vor kurzem aus der Stadt hierhergezogen, eine seltene Entscheidung: fast immer ziehen junge Leute vom Dorf in die Stadt. Doch Ljoscha ist ein Mensch der Taiga, einer, der jagt, Pinienkerne sammelt und an Autos und Motorrädern herumschraubt und sie fährt, auch wenn sie nicht unbedingt ein Nummernschild tragen – alles Dinge, die in der Stadt schwierig sind. In Jelan möchte er mit seiner Familie das seit über zehn Jahren leerstehende Haus der Schwiegereltern beziehen. Vorläufig wohnen sie in einem Nebengebäude, während der Wohnraum einer Baustelle mit einem großen Ziegelhaufen in der Mitte gleicht, vom abgerissenen alten Ofen, der ganz neu gesetzt werden muss.
Ob ich nicht in die nächstgelegene Kleinstadt mit ihm fahren könne, damit er neue Ziegel bestellen und einen Kanister Benzin für den Vater kaufen kann? Bei seinem koreanischen Auto sei der Kühler gerade kaputt und der Motor überhitze sich ständig.
Gemeinsames Autofahren ist oft ein guter Gesprächsmoment. Während ich den Lada Samara durch die hügelige, offene Landschaft nach Bitschurá steuere, das rajonny zentr, in Deutschland wäre das wohl die Hauptstadt des Landkreises, frage ich Nisos Bruder nach seiner Arbeit, und der ansonsten eher wortkarge Praktiker fängt an zu reden. Ljoscha arbeitet als Fahrer im nahegelegenen Kohletagebau und fährt in einem riesigen Samosval Abraum auf die Halde: zehn Tage Tagesschicht, zehn Tage Nachtschicht, zehn Tage frei. Eine verantwortungsvolle Arbeit, jeden Morgen kontrolliert ein Arzt seine Nüchternheit, dafür verdient er über 50000 Rubel im Monat, für dörfliche Maßstäbe ein fantastischer Lohn. Ljoschas Frau Galja wird an der Dorfschule, wo es wie häufig Lehrermangel gibt, als Englischlehrkraft arbeiten. Da ist es auch nicht so schlimm, dass sie gar kein Englisch spricht; die Schule finanziert ihr einen Weiterbildungskurs.
Jetzt ist vielleicht der Moment, die Ereignisse in der Ukraine anzusprechen. Ein Thema, zu dem ich durchaus etwas Kritisches sagen könnte, schließlich habe ich in Königstein mit ukrainischen Flüchtlingen zu tun, die mir Dinge erzählen, die sehr wenig geeignet sind, für die russische Seite einzunehmen. Aber ich möchte den Urlaub mit meiner Familie verbringen und – wer weiß, wer alles mithört? – nicht im russischen Knast.
„Du hast doch den Grundwehrdienst abgeleistet“, sage ich. „Was wäre, wenn die allgemeine Mobilmachung ausgerufen wird?“
„Dann gehe ich nicht! Wenn jemand meine Familie, mein Dorf, mein Haus, mein Land angreift, dann, verdammt nochmal, kämpfe ich“, sagt Ljoscha und würzt seine Rede nach jedem Satz mit einem kräftigen Fluch, „aber nicht, um in der Ukraine angebliche Faschisten zu erschlagen. Ich weiß überhaupt nicht, was ich glauben soll. Entweder die Amerikaner sind an allem schuld, wie man uns erzählt, oder Putin hat den Verstand verloren. Fährst du eigentlich immer maximal 60?“
Ich steuere den Samara vorsichtig vorbei an Schlaglöchern und Unebenheiten, über die mein Schwager sicher mit Hundert hinwegrauschen würde. Im Baustoffhandel betrachtet Ljoscha die Ziegelpaletten und überlegt, wie viele er für seine Ofen braucht – es soll nun doch kein russkaja petsch, kein russischer Ofen werden, sondern eine etwas kleinere gollandka; dann füllen wir einen Kanister mit 92er Benzin für den Zhiguli meines Schwiegervaters, der mit leergefahrenem Tank im Hof steht. Fast fünfzig Rubel kostet der Liter, weniger als einen Euro, etwas mehr als noch vor zwei Jahren, aber kein Vergleich mit der Benzinpreisexplosion in Deutschland.
Hundegebell und Muhen liegen in der Abendluft in Jelan, gelegentlich ein Auto oder ein knatterndes Motorrad, ansonsten Stille und ein ganz großer, klarer Sternenhimmel nach Einbruch der Dunkelheit.