Einen Tag, bevor wir an den Baikalsee aufbrechen, besucht uns in Ulan-Ude Zhargal, ein junger Burjate, mit dem wir uns schon vor einigen Jahren angefreundet hatten. Der intelligente, hagere Mann mit den scharf geschnittenen Gesichtszügen hat Geschichte studiert, spricht Englisch, auch etwas Deutsch und Burjatisch, seine neben Russisch zweite Muttersprache. Ein halbes Jahr hat er in Sankt Petersburg gewohnt und ist dann wieder zurückgekommen: das Klima dort gefalle ihm nicht, nasskalt und ständig Regen, und außerdem werde er als Angehöriger einer nicht-russischen Volksgruppe ausgegrenzt. Man halte seiner asiatischen Gesichtszüge wegen für einen Chinesen oder Usbeken.
„Wie das?“, frage ich. „Russland ist doch schon seit eh und je ein Vielvölkerstaat. Die ethnischen Russen sollten doch wissen, dass es noch andere Volksgruppen gibt, die genauso Bürger der Russischen Föderation sind. Russland hört doch nicht am Ural auf!“
„In vielen Wohnungsanzeigen steht: nur für Slaven“, sagt Zhargal.
„Unglaublich!“, rufe ich. „Undenkbar, dass in Deutschland jemand schreibt „Zu vermieten nur für Deutsche“ – das ist strafbar!“
„Die Petersburger wollen vor allem keine Migranten aus Zentralasien“, erklärt mir der Burjate, „da meldet sich einer für die Wohnung an, und dann wohnen zwanzig drin.“
Zhargal hat sich offiziell arbeitslos gemeldet, bekommt ein (mehr symbolisches) Arbeitslosengeld in Höhe von 1500 Rubeln und wartet auf eine kostenlose Umschulung für eine Arbeit in der digitalen Welt, um sich mit dieser dann sein Traum-Masterstudium finanzieren zu können: Philosophie in Moskau.
Ich bin gerade zum Philosophieren aufgelegt und halte Zhargal zwei Bücher über Russland unter die Nase, in denen unter anderem die Frage erörtert wird, wie das größte Land der Erde auf seine heutige Größe angewachsen ist und sich der Prozess der Aneignung der sibirischen Weiten vollzog.
„Die Eroberung Sibiriens war ein typisch europäischer und entsprechend brutaler Akt der Kolonisierung“, zitiere ich aus einem Werk von Jens Siegert, deutscher Journalist und Politikwissenschaftler, der seit Jahrzehnten in Moskau lebt. Zum Vergleich dann Vladimir Medinskij: „Indem sich Russland Land aneignete und neue Völker einschloss, wurde es zum Garanten ihrer Entwicklung und ihres Aufblühens“, schreibt der Historiker und eine Zeitlang russischer Bildungsminister. „Die eroberten Völker wurden niemals unterdrückt. Sie konnten weiter nach ihren alten Traditionen leben, niemand hat ihre Bräuche zu ändern versucht.“
Wir sprechen eine Weile über Fluch und Segen der Zivilisation, über Infrastruktur, Medizin, erzwungene Sesshaftigkeit, Alkohol, Unterdrückung und Freiheit und die Möglichkeiten, die dem Einzelnen die Zugehörigkeit zu einem Riesenreich bietet, dann gehen wir eine Runde spazieren; Zhargal kann gut mit kleinen Kindern umgehen und nimmt Aleksander an die Hand. Unser Blick fällt auf ein Plakat mit einem großen „Z“ am Balkon einer Chruschtschovka. Auch auf den Heckscheiben mancher Autos war mir das „Z“ aufgefallen oder an den Schultern einiger Uniformierter, vielleicht Soldaten vor dem Ausrücken oder im Urlaub, ansonsten wirkt der Krieg in Sibirien weiter weg als in Deutschland, wohl auch deshalb, weil es fast keine Flüchtlinge gibt.
„Hier wohnt offensichtlich ein Patriot“, sage ich.
„Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr Leute unterstützen den Krieg in der Ukraine“, erklärt Zhargal. „Im Westen haben viele Verwandte dort und lehnen den Angriff deshalb ab, im Gegensatz zu den Sibirern. Deshalb werden auch viele Burjaten oder Jakuten als Soldaten eingesetzt.“
Wir laufen durch den kleinen Park an der Landwirtschaftsuniversität mit den silberglänzenden Lenin- und Marx-Denkmälern davor; nachdem sich Frau und Kind verabschiedet haben, rauche ich mit Zhargal noch eine Abschiedszigarette. Auf der Packung sind ähnliche Gruselbildchen wie in der EU, 160 Rubel kostet sie inzwischen, immerhin die Hälfte wie in Deutschland.
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| Der Burjate Zhargal, Bürger des Vielvölkerstaates Russland, wird in Moskau oft für einen Chinesen gehalten |
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| Das Symbol des Ukraine-Krieges an einem Balkon. Geschätzt ein bis zwei Drittel der Bevölkerung unterstützen die Politik der Regierung - je weiter im Osten Russlands, desto mehr |

