Montag, 15. August 2022

Kapitel X

 

Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren. Der Anblick der Grabsteine und das Studium der oft alten und verwitterten Inschriften versetzen mich in eine angeregt-philosophische, nachdenkliche Stimmung. Russische Friedhöfe befinden sich oft im Wald, die Gräber – üblich ist nur Erdbestattung – sind mit einem Gitter umzäunt und mit Kunstblumen bestückt. Der Friedhof in Bargusin ist ein ungewöhnlicher Ort: er liegt auf einem offenen Feldstück oberhalb des gleichnamigen Flusses, und die Gräber aus mindestens drei Jahrhunderten zeugen von der reichen Geschichte des Städtchens. Wir spazieren vorbei an jüdischen Gräbern aus hellbraunem Stein mit hebräischen Inschriften, vorbei an sowjetischen Grabstätten mit den typischen Grabmälern aus blaulackiertem Metall zur letzten Ruhestätte der Gebrüder Küchelbeck, Dekabristen, die im 18. Jahrhundert hierher verbannt wurden. Was in Westeuropa wohl konserviert, aufs Genaueste untersucht und beschriftet werden würde, rottet hier scheinbar unbeachtet vor sich hin.

In dieser eher abgeschiedenen, vom Baikal-Tourismus wenig berührten Gegend am Eingang des Bargusin-Tales nordöstlich des Sees wollte ich Sergej aufsuchen, einen Freund, der mich vor einigen Jahren mit auf abenteuerliche Taiga-Touren genommen und mir interessante Einblicke in die Lebensweise der Einheimischen gewährt hatte. Doch weder er noch seine Frau sind zuhause, und die Telefonnummer ist mir abhanden gekommen. So hänge ich eine Tüte mit einem Päckchen Kaffee an die Pforte und hinterlasse meinen Kontakt auf einem Zettel. Leider wird er mich nicht anrufen, heute nicht und nicht in den nächsten Tagen – wer weiß, warum. Vielleicht hat jemand die Tüte vor seiner Rückkehr geklaut, er wohnt nicht mehr da oder hat schon seinen Platz auf dem historischen Friedhof gefunden.

Kenner der Baikalregion wird die Nachricht überraschen, dass am Ostufer die Straße inzwischen bis über Ust-Bargusin hinaus, bis zum Dorf Abramovo mit Asphalt bedeckt ist. Dort halten wir an einem Schild „musej-usadba“, Hof und Museum, und werfen einen neugierigen Blick an der im Stile eines Wachturmes aus der Kosakenzeit gebauten Pforte vorbei über den Zaun. Eine korpulente ältere Dame ruft uns herein und fordert uns auf, die Ausstellung des Künstlers Vladimir Schelkovnikov und eine große Sammlung von „Gegenständen aus der alten Zeit“ unter ihrer fachkundigen Führung zu besichtigen.

Museumsführungen in Russland haben eine eigene kulturelle Prägung. Mit ihrem Beginn scheint es, als wird einen Schalter umgelegt und ein Programm abgespult, das durch Fragen oder Anmerkungen zu unterbrechen höchst unangebracht ist. In dichter Folge rieselt es Fakten und Jahreszahlen, darin eingestreut Angaben zu Wettbewerben, Urkunden und Preisen, die dieses oder jenes Kunstwerk gewonnen hat. Während ich mich bemühe, den Ausführungen konzentriert zu folgen, um dem angestrengten Bemühen der Exkursionsleiterin um korrektes Abspulen des Programms den nötigen Respekt zu erweisen, überkommt mich gleichzeitig eine Art Mitleid. Ich habe das Bedürfnis, mit der einen oder anderen eingestreuten Frage oder einer freundlichen Anmerkung deutlich zu machen: ist schon gut, quälen Sie sich nicht, ich weiß, dass Sie alles wissen, mir müssen Sie es nicht zeigen,  wollen wir nicht den Rundgang etwas entspannter fortsetzen? Keine Chance. Eine kurze, fast schon barsche Antwort, dann geht es erbarmungslos weiter. Ich erinnere mich an meine Ausbildung zum Gästeführer auf der Festung Königstein im letzten Jahr – wenn ich so wie die Dame in Abramovo auf die Urlauber eingehen würde, hätte ich die Prüfung nicht bestanden.

Die Sammlung an „Gegenständen aus der alten Zeit“ mit Petroleumlampen, Handarbeiten und Unterwäsche aus der vorrevolutionären Epoche ist beachtlich, auch das Werk von Schelkovnikov beeindruckt durch seine Vielfalt: Ölbilder und Skulpturen mit Gestalten aus der russischen Geschichte, Kunst aus Birkenrinde und Fell, Aquarelle und Bleistiftskizzen. All das ist mehr abgestellt als präsentiert in einer Art Lagerhalle, die wohl kaum der würdige Rahmen für so eine Meisterschaft sein kann, worauf ich unsere Führerin nach dem Ende des Rundganges auch aufmerksam mache.

„Das ist alles eine Frage des Geldes, und das gibt es leider nicht“, sagt sie.

„Ein Thema des Künstlers ist offensichtlich die menschliche Nacktheit?“, frage ich und verweise auf zahlreiche appetitlich von den Leinwänden quellende weibliche Brüste.

„Es gibt wohl keinen Maler, der nicht schöne Frauen mag“, antwortet die Dame und fordert uns auf, etwas ins Gästebuch zu schreiben.

„Viele Deutsche kommen hier wahrscheinlich nicht vorbei?“, will ich noch wissen.

„Schreiben Sie unbedingt auch auf Deutsch ins Gästebuch! Hier im Dorf wohnt noch ein deutscher Mann, kennen Sie den? Gleich das erste Haus nach der Ortseinfahrt rechts. Vor ein paar Jahren hat er das Grundstück gekauft.“

Hier, irgendwo in Sibirien, ein Deutscher? Kaum zu glauben. Dem muss auf den Grund gegangen werden! Wir machen uns auf den Weg zum ersten Haus nach der Ortseinfahrt rechts, ich überlege mir die Einstiegsfrage: „Ist es mir als Ausländer erlaubt, hier ein Grundstück erwerben?“, dann klopfen wir an die Tür und warten gespannt.

Niemand da. Soweit man es über den hohen, den Garten vor Blicken schützenden Zaun erkennen kann, sieht das Haus sehr sauber aus. Das Klischee vom ordentlichen Deutschen wäre jedenfalls erfüllt.

Noch einmal lauter klopfen. Kein Hundegebell im Hof, auch irgendwie untypisch.

„Kto tam?“, ruft eine Stimme, und schon aus den zwei Worten meine ich den Akzent eines Landsmannes zu erkennen.

„Dobrij djen“, rufe ich zurück, für alle Fälle erstmal Russisch, vielleicht irre ich mich ja auch, „ich habe gehört, hier wohnt ein Deutscher.“

Ein untersetzter älterer Herr öffnet die Tür. „Ja njemez.“

„Ich komme auch aus Deutschland“, sage ich, „vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ist es mir als Ausländer erlaubt, hier ein Grundstück zu erwerben?“

Der ältere Herr kratzt sich am Kopf. „Das ist eine längere Geschichte. Dann kommen Sie mal rein!“

Nachdem ich die Erlaubnis bekommen habe, Frau und Kind mitbringen zu dürfen, betreten wir den Hof. Ein kurzgeschorener Rasen, schicke Gemüse- und Blumenbeete, ein Gewächshaus. Eine Frau tritt aus dem Gebäude und beginnt sich mit Niso auf Russisch zu unterhalten.

„Das ist meine Freundin, sie kommt ursprünglich aus Kasachstan und wohnt jetzt in Deutschland“, sagt der ältere Herr in leichtem Berliner Dialekt, „ich selbst wohne immer im Sommer für ein halbes Jahr hier in Sibirien. Dieses Jahr muss ich allerdings bis Dezember hierbleiben, acht Monate am Stück, das ist eine Voraussetzung, um die russische Staatsbürgerschaft zu bekommen.“

„Ich bin übrigens Thomas, gebürtiger Leipziger, und du?“

„Gunther, auch Sachse, bei Chemnitz geboren.“

Während wir in die obere Etage des Gebäudes gehen, erfahre ich, dass der 70jährige Gunther zuletzt bei der Berufsfeuerwehr gearbeitet hat und 1999 zum ersten Mal in der Baikalregion war. Vor acht Jahren kaufte er das Grundstück; damals konnten Ausländer das noch, kurz darauf wurde es verboten. Warum er eigentlich die russische Staatsbürgerschaft wolle?

„Also, wenn ich mir anschaue, wie sich Deutschland gerade entwickelt…“ Gunther schüttelt den Kopf. „Das kann nicht gut gehen! Wenn die Katastrophe kommt, möchte ich auf der sicheren Seite sein.“

„Und dann den Lebensabend hier in Sibirien mit der Freundin verbringen“, sage ich und nicke verständnisvoll.

„Zumindest solange die Zeit hier überbrücken, bis die rechtmäßige Ordnung in Deutschland wiederhergestellt ist, wie sie bis 1918 herrschte.“

Ich horche auf. „Reichsbürger?“

Gunter nickt.

„Ob der Kaiser wirklich wiederkommt?“

Gunther schüttelt den Kopf. „Das wird man sehen. Zuerst muss es eine Volksabstimmung geben, damit die volle Souveränität Deutschlands wiederhergestellt wird.“

Er registriert meinen skeptischen Gesichtsausdruck. „Beschäftige dich mal damit, das ist hochinteressant. Ist dieser Ausblick nicht genial?“

Inzwischen sind wir – vorbei an einigen mit nagelneuen Möbeln eingerichteten, offensichtlich unbewohnten Räumen – auf der Terrasse des Obergeschosses angekommen. Der Blick fällt über Kühe auf einer sattgrünen Wiese auf das blaue Band des Bargusin-Flusses.

„Die tolle Natur hier, dazu die netten Nachbarn, ich finde es wunderschön“, sagt Gunther.

„Ist das Haus nicht eigentlich viel zu groß für zwei?“

„Meine Freundin hat in Deutschland noch Familie“, sagt mein Landsmann und macht die Terrassentür von außen zu, damit sie uns im Haus nicht hört, „im Moment wollen sie noch nicht, aber wenn dort alles zusammenbricht, dann kommen bestimmt alle hierher. Und dann ist alles schon fertig! Deine Frau kommt auch aus Russland?“

Ich erzähle ihm, dass wir in Ulan-Ude geheiratet haben und erkläre ihm auf seine interessierte Nachfrage hin, welche Dokumente dazu erforderlich waren.

Wenig später sitzen wir alle zusammen in der Küche und trinken Tee. Niso versucht verzweifelt, den Berg Süßigkeiten von Aleksanders Zugriff fernzuhalten, den Gunters ununterbrochen redende Freundin vor ihnen aufgeschichtet hat. In einer wilden Mischung aus Deutsch und Russisch flackert ein nach hier und da mäanderndes Gespräch hin und her; unser Gastgeber kann die Muttersprache seiner Freundin kaum, was aber nichts macht, da diese Deutsch spricht und man zum Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft auch kein Russisch können muss – wenn man Rentner ist. Erfrischt von der spontanen und herzlichen Begegnung verabschieden wir uns nach einem Stündchen. Gunther zeigt mir noch die nach neuestem Stand der Technik eingebaute Holzheizung und erklärt, dass er im Winterhalbjahr einen Wächter bezahlt, der auf Haus und Grundstück aufpasst.

„Interessante Leute!“, sage ich zu Niso, als wir wieder im Auto sitzen, „vor allem die Frau scheint sich gefreut zu haben, mal jemanden zum Sprechen zu haben.“

„Sie hat mir erzählt, dass außer Alkoholikern, die Pilze verkaufen oder für Gunther arbeiten wollen, sonst niemand an ihre Tür klopft.“

„Mit der Freundin und ihrer Familie nach Sibirien übersiedeln, was für ein spannender Plan!“, meine ich.

„Also die Frau will auf keinen Fall hierherziehen“, sagt Niso und lacht. „Der gefällt es in Deutschland besser. Was er für ein Geld hier verpulvert habe in das riesen Haus, niemand wisse, für wen eigentlich. Und heiraten wolle er auch noch! Das komme für sie gar nicht in Frage.“

Der Friedhof in Bargusin birgt historische Schätze aus vielen Jahrhunderten, die vor sich hinrotten

 

 

Reichsbürger Gunther ist sicher: wenn in Deutschland alles zusammenbricht, ist Sibirien der bessere Ort zum Leben

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...