Am dritten Tag nach unserer Ankunft in Ulan-Ude bekommt Aleksander schwer Luft. Er röchelt beim Atmen und hat Fieber. Niso telefoniert in meiner Abwesenheit eine Reihe von Polykliniken ab und erfährt überall, dass man sich zur Sprechstunde anmelden muss und erst in den nächsten Tagen einen Termin bekommen kann. Also ruft sie die Erste Hilfe und wird mit dem Kleinen ins Städtische Infektionskrankenhaus gebracht. Besuch von Außenstehenden ist dort tabu, schließlich geht es um ansteckende Krankheiten. Es werden Blut-, Urin- und Stuhlproben genommen und ein Corona-Test gemacht, dann das Warten auf den Arzt.
Niso ist in einem Achtbettzimmer. Von allen Seiten dringen Smartphonegeräusche, mit denen die Mütter ihre schreienden Kinder zu beruhigen versuchen. Aleksander tanzt und singt dazu. Der Umgangston der gelegentlich hereinschauenden burjatischen Krankenschwestern ist genervt und ruppig. Niso fragt, wieviel und wo sie bezahlen muss, da Aleksander als Ausländer nicht unter die kostenlose russische Krankenversicherung fällt. Niemand weiß es genau, die Schwestern beraten untereinander. Nach einigen Stunden kommt eine offensichtlich Vorgesetzte mit chefmäßig strenger Miene vorbei, staucht die im Korridor stehenden Schwestern zusammen, was sie hier herumfaulenzen und tritt zu Niso ans Bett.
„Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, erklingt eine angenehm flötende Stimme, „die lange Reise war wohl anstrengend?“
Meine Frau sagt, dass alles gut sei und es nun schön wäre, wenn bald einmal der Arzt käme.
„Was hat denn die auf einmal hier verloren?“, zischt eine der Schwestern zur anderen, nachdem die Chefin verschwunden ist.
„Psst, der ist doch Ausländer!“, zischt die andere zurück.
„Echt? Woher?“
„Deutschland!“
Von nun an werden Niso und Aleksander im Städtischen Infektionskrankenhaus etwas freundlicher behandelt. Nach der Übernachtung dann am Vormittag kommt eine Ärztin zur Visite: sie benennt die Infektion, sagt, dass mit den Laborwerten alles in Ordnung ist und verordnet Aleksander vier Tage lang regelmäßiges Inhalieren.
In Deutschland geht man im Falle eines am gleichen Tag erforderlichen, dringenden Arztbesuches zu einer Akutsprechstunde, die Erste Hilfe ist lebensbedrohlichen Vorfällen vorbehalten. Der Arzt entscheidet in der Sprechstunde, ob vielleicht eine Einweisung ins Krankenhaus erforderlich ist.
In Russland ruft man im Falle eines am gleichen Tag erforderlichen, dringenden Arztbesuches die Erste Hilfe und wird ins Krankenhaus gebracht. Dort kommt dann am nächsten Tag ein Arzt vorbei und entlässt den Patienten wieder, wenn nichts Schwerwiegendes vorliegt.