Montag, 22. August 2022

Kapitel III

 

In Ulan-Ude gibt es schöne Orte. Der Platz vor dem exotisch anmutenden, in Form einer großen Jurte gebauten Operntheater etwa, an dem zu bestimmten Zeiten aus Lautsprechern klassische Musik spielt oder auch die vielen farbenfroh gestrichenen Spielplätze hinter den Häusern. Jahrelang habe ich hier gelebt, gearbeitet und geliebt – die Frau fürs Leben gefunden und eine Familie gegründet. Um es allerdings ganz ehrlich zu sagen: Ulan-Ude ist insgesamt schmutzig und hässlich, und wenn ich nicht eine interessante berufliche Tätigkeit gehabt und viele Reisen unternommen hätte, wären es niemals fünf Jahre geworden. Im Sommer ist es staubig und heiß, wenn es nicht gerade regnet und sich die Straßen in ein Pfützenmeer verwandeln. Das Zentrum der Halbe-Millionen-Stadt wird von der Trasse der transsibirischen Eisenbahn in zwei Hälften geschnitten; die einzige verbindende Straßenunterführung im Zentrum ist ein Ort ewiger Staus, dreckig und abgasverpestet. Den trockenen, sonnendurchfluteten Winter mag ich mehr, wenn der Schnee den herumliegenden Müll überdeckt und knackige minus 35 Grad meinen Kreislauf in Schwung bringen. Die Architektur im Zentrum ist eine wüste Mischung aus ruinösen alten Holzbauten, fünfetagigen Chruschtschovkas aus unverputzten Ziegeln oder Platten, unschönen Hochhäusern und Einkaufszentren aus Metall und Glas und einigen wenigen liebevoll restaurierten Überbleibseln aus der Zarenzeit. Wie Perlen stechen die Zwiebeldächer einige orthodoxe Kirchen oder buddhistische Dazane hervor.

Überall in der Stadt hängen Schilder vom Typ „Betreten ohne Maske verboten“ – an Geschäften, Straßenbahntüren oder der Uni. Niemand trägt aber eine Maske, und tatsächlich gibt es auch schon seit längerem keine Maskenpflicht mehr. Die Schilder bleiben einfach hängen, weil – so eine von mir beiläufig aufgeschnappte Begründung – die Maskenpflicht im Herbst bestimmt wieder eingeführt wird. Und da ist es doch praktisch, sie wurden gar nicht erst entfernt. Ein gutes Beispiel dafür, wie wenig in Russland das reale Leben und seine „Abbildung im Schriftlichen“, um es etwas hochtrabend zu formulieren, übereinstimmen; deutlich weniger wahrscheinlich als in westeuropäischen Kulturkreisen.

Unsere Wohnung in der Gagarin-Straße in einer Chruschtschovka gehört Clauwdia Wassiljewna, eine rüstige alte Dame, die nur an westliche Ausländer vermietet, weil diese ihren Worten zufolge vernünftig mit der Einrichtung umgehen. Vor über zehn Jahren ist hier ihre Mutter gestorben und die Möblierung seitdem weitgehend unverändert: kleine knarrende Betten mit Spanplatten statt Lattenrost, ein Schrank mit dekorativ ausgestelltem Geschirr, ein riesiger Teppich an der Wand. Ebenso charakteristisch für russisches oder sowjetisches Wohnambiente ist das Fehlen eines Teiles der Türen zwischen den Zimmern. Und natürlich der Eingang zur Wohnung: eine Doppeltür, die äußere davon aus Stahl, jede mit drei Schlössern versehen plus eine Sicherungskette an der Innentür zum gefahrlosen Öffnen einen kleinen Spalt weit.

Wie in vielen anderen Ländern auch, lebt die Stadtbevölkerung in Russland überwiegend in Eigentumswohnungen. Wir besuchen Nisos Freundin Lena, die sich vor anderthalb Jahren eine Ein-Zimmer-Wohnung auf Kredit gekauft hat, die auf dem Wohnungsmarkt inzwischen schon das Doppelte wert ist. Die zierliche, bescheiden wirkende Frau hat ihr Zuhause modern und geschmackvoll eingerichtet; Vinyl-Tapete in auf Teppich, Sofa und Schrank abgestimmten Farbtönen, alles aufgeräumt und sehr sauber. Die Durchgänge zwischen Flur und Wohnzimmer und weiter zur Küche sind für Türen gar nicht vorgesehen. In einer Ecke liegt eine greise Katze, die sich auch dann nicht rührt, als Maja sie am Schwanz zieht. Lena arbeitet jetzt als Optikerin in einem Brillengeschäft, hat aber eigentlich Psychologie studiert und eine Weile lang erfolglos versucht, sich in der Online-Welt als Märchentherapeutin zu etablieren. Ihre Schwester hat das Einweihungsritual als Schamanin durchlaufen, tritt aber nicht praktizierend als solche auf. Lena hält nicht viel von den schamanischen Heilungsmethoden, die von vielen Burjaten hier in Anspruch genommen werden. Es passt nicht in unsere Zeit, sagt sie, und ist eher eine Geldschneiderei.

Nach einer Weile fällt mir auf, dass Lenas Wohnung eigentlich wie ein Hotelzimmer wirkt: es findet sich kein persönlicher Gegenstand, der von einem Hobby oder auch nur von einer Interessensrichtung der Bewohnerin zeugen würde. Nisos Freundin gehört zur Sorte moderner Menschen, die eigentlich außer ihrem Smartphone nichts brauchen, sich sozusagen über das Materielle erhoben haben und in der digitalen Welt ihre geistigen Bedürfnisse befriedigen können.

Wir werden lecker mit Hühnersuppe, Brot, Schwarztee und selbstgebackenen Keksen bewirtet; während Niso anschließend ausgiebig plaudert, nehme ich Auto und Autoschlüssel von Mischa in Empfang, der uns seinen Lada Samara für einen Monat zur Verfügung stellen wird. Der Gang durch das unappetitliche Treppenhaus erinnert mich wieder an den typisch russischen Kontrast zwischen Innen und Außen. Während die Innenwelt – die Wohnung – liebevoll gestaltet ist, kümmert sich um die Außenwelt – den ranzigen Hausflur, den vermüllten Hof oder die holprigen Straßen – die Stadt oder der Staat, das heißt in den meisten Fällen: niemand.

In Ulan-Ude regnet es selten, aber wenn, dann heftig, und die Kanalisation ist völlig überfordert

 

Die Doppeltür zu unserer Wohnung ist mit jeweils drei Schlössern gesichert. In der Wohnung hängen große Teppiche an der Wand, wie es vor allem zu Sowjet-Zeiten üblich war.




Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...