Freitag, 12. August 2022

Kapitel XIII

 

Unser Monat in Sibirien neigt sich dem Ende. Bevor wir nach Deutschland zurückfliegen, fahren wir wieder aufs Dorf, damit meine Frau noch ein paar Tage mit den Eltern verbringen kann und wir die Tochter abholen. Ich wohne wie üblich im Tepljak, dem beheizbaren Nebengebäude – die Bezeichnung tepljak kommt vom russischen Wort für warm: tepló. Seine Wände sind aus dicken, quadratischen, leuchtend hellblau gestrichenen Holzbalken, in der gleichen Farbe auch die breiten Bretter der Decke und der aus Ziegeln gemauerte große Ofen in der Mitte des Raumes. Links des Ofens stehen zwei metallene Betten an den Wänden einander gegenüber, rechts befindet sich die Brunnenöffnung mit der darin hängenden Pumpe. Die zwei kleinen Fenster sind von innen mit einer lichtdurchlässigen Plastikisolierung vernagelt, die Holztür ist von innen mit einem Filz beschlagen. Auf einem Brett an der Wand stehen Schulbücher von Nisos Geschwistern, die zum Anzünden des Ofens verwendet werden. Ein klebriges braunes Band mit Fliegenleichen daran und eine nackte Glühbirne baumeln von der Decke.

Ein eigener Raum für mich, die Möglichkeit des Ungestört-Seins, so etwas gibt es im Wohnhaus nicht, wo meistens der Fernseher läuft und keine Zwischentüren existieren. Ich würde mich wohlfühlen im Tepljak, wenn nicht die niedrige Deckenhöhe wäre; ständig stoße ich mit dem Kopf gegen den quer durch den Raum unterhalb der Decke verlaufenden Balken oder oben an der Eingangstür. Der Sinn dieser Bauweise – wie überhaupt der Sinn einiger Merkwürdigkeiten hier: warum sind die Fenster vernagelt? – wird erst im Winter offensichtlich, wenn draußen minus Vierzig herrschen und jeder beheizte Kubikmeter Innenraum eine mühsam errungene Leistung ist.

Ich würde mich wohlfühlen, wenn ich nicht gleich am zweiten Tag nach unserer Rückkehr ins Dorf mit Fieber und allgemeiner Schwäche ins Bett kriechen müsste; kein Husten, kein Schnupfen, kaum Kopfschmerzen, nur ein hochgradig ausgetrockneter Mund trotz gewissenhaftem Trinken. Nach drei Tagen sind Fieber und Schwäche vorbei, dafür das ganze Zahnfleisch entzündet, ich kann nicht ohne Schmerzen kauen und schlucke abends Ibuprofen – wie viele andere Medikamente auch sehr billig und rezeptfrei in den Apotheken erhältlich –, um nachts nicht mit wundem Mund aufzuwachen.

„Es liegt daran, dass du rohe kalte Ziegenmilch getrunken hast!“, sagt meine Frau.

Ich bin mir da nicht so sicher, habe aber auch keine andere Erklärung. Der Arztbesuch muss bis Deutschland warten, bis dahin gibt es nur Grießbrei und Fleischbrühe.

 

Niso möchte ihren Bruder Rustam besuchen, der in der Grenzstadt Kjachta wohnt, nur wenige Kilometer von der Mongolei entfernt. Von Jelan aus geht es über holperige Schotterpiste anderthalb Stunden lang durch mit lockerem Nadelwald bestandene Hügel nach Westen, vorbei an malerisch in quellgefüllten Wassersenken sich weidenden Pferden und die Straße querenden Kühen, vorbei an am Rande der offenen Steppe liegenden Dörfern und der Abraumaufschüttung des großen Kohletagebaues, wo Ljoscha, einer der anderen Brüder, arbeitet. Dann trifft die Straße senkrecht auf die ausgezeichnet asphaltierte Föderale Trasse, die Ulan-Ude mit der Mongolei verbindet, und wenig später ist man in Kjachta.

Doch halt, noch sind wir nicht in Kjachta. Ein uniformierter FSB-Grenzbeamter wedelt uns mit seinem Stab an den Straßenrand. Stimmt, da war doch noch etwas. Ein Kontrollposten, denn ab jetzt beginnt die Grenznahe Zone.

Nach dem Prüfen unserer Pässe wird festgestellt, dass das Weiterfahren nicht erlaubt ist. Wer nicht in Kjachta wohnt, braucht eine Sondergenehmigung, das betrifft Russen und erst recht Ausländer.

„Sonst kostet es tausend Rubel Strafe“, sagt der junge Grenzbeamte.

„Und fünfhundert, wenn man innerhalb von drei Tagen zahlt?“ Mir kommt der Rabatt für Schnellzahler den Sinn, der bei Tempoüberschreitungen gilt.

„So etwas gibt es bei uns nicht“, ist die Antwort.

Ich wechsle einen Blick mit meiner Frau und verstehe, dass sie ihren Bruder wirklich gern sehen möchte.

„Macht nichts. Ich kann die Strafe bezahlen“, sage ich und hoffe, dass es nicht frech klingt.

„Außerdem möglicherweise Deportation und fünf Jahre Wiedereinreisesperre in die Russische Föderation“, sagt der Soldat.

Das klingt nun schon anders! Fünf Jahre Wiedereinreisesperre, das wäre tatsächlich sehr ärgerlich, denn Maja und Niso möchten mit mir ihre sibirischen Verwandten bestimmt schon früher einmal wiedersehen.

Wir wenden und halten am anderen Straßenrand. Niso ruft ihren Bruder an, der wenige Minuten später mit dem Taxi vorbeikommt. Sie überreicht Plov, Kartoffeln und Gartenkräuter – ein Gruß von den Eltern aus Jelan; wir plaudern ein wenig.

„Fahrt doch zurück und kommt den anderen Weg entlang der Grenze nach Kjachta“, schlägt Nisos Bruder vor, „da gibt es wahrscheinlich keinen Kontrollposten!“

„Möglicherweise Deportation und fünf Jahre Wiedereinreisesperre“, sage ich.

Rustam hat als Zeitsoldat über zehn Jahre lang in der russischen Armee gedient und auch in Tschetschenien gekämpft. Bis zur Rente hatte nur ein halbes Jahr gefehlt, dann wurde er wegen Trunkenheit vorzeitig entlassen. Jetzt versucht er im September wieder einzusteigen, um das halbe Jahr noch abzuleisten, sonst wird es nichts mit der Rente.

„Und dann geht es in die Ukraine?“

„Na klar. Da gibt es als Zeitsoldat keine Wahl. Ukraine oder Knast.“

Wobei die Frage bleibt, ob sich Rustam freiwillig für die Ukraine melden würde, auch wenn er nicht geschickt wird: ich erinnere mich an ein Gespräch mit Niso, als diese vermutete, dass ihr Bruder nach dem Einsatz in Tschetschenien im zivilen Leben nicht mehr besonders zurechtkommt. Wer einmal im Krieg war und sich dort einen bestimmten Schaden weggeholt hat, der muss immer wieder hin.

Wir verabschieden uns nach wenigen Minuten. Schade, aber besser kurz gesehen als gar nicht; vielleicht klappt es vor unserer Abreise noch mit einem Treffen in Ulan-Ude.

 

 

Zum Abschied schenkt mein Schwiegervater seiner Tochter einen warmen Pullover.

„Der Winter in eurer Wohnung wird sicher kalt“, sagt Nikolai und entblößt gutmütig lachend seine goldglänzenden Schneidezähne. Er sagt das, weil er weiß, dass bei uns mit Gas geheizt wird.

Zum Glück haben wir noch das von uns Datsche genannte Kleingartenhäuschen, da steht ein Kachelofen.



Die sibirische Brennnessel brennt deutlich unangenehmer als die westeuropäischen Arten

Viele russische Dörfer sind geprägt vom Verfall. Die meisten Häuser stehen leer



Hier, im "Tepljak" genannten Nebengebäude, quartiere ich mich ein, wenn wir bei den Schwiegereltern sind. Ein schöner Rückzugsort, wenn nur der niedrige Deckenbalken nicht wäre

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...