Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-russische Staatsbürger einen negativen PCR-Test vorlegen, der zum Zeitpunkt der Einreise nicht älter als 48 Stunden sein darf. Dies gilt unabhängig vom Alter – betrifft also auch Babys – und vom Impfstatus, also auch dann, wenn der Ausländer mit dem russischen Impfstoff „Sputnik“ geimpft wäre. Zum Zweiten sollte sich ein Reisender gut überlegen, woher er in Russland Geld nimmt. Deutsche Bankkarten funktionieren dort nicht mehr, und in Deutschland gibt es wohl kein Geldinstitut, das noch Euro in Rubel tauscht. Man könnte also mit einem Bündel Euro in der Tasche reisen und sich darauf verlassen, dass eine russische Bank sie gegen Rubel einwechselt – wenn nicht, steht man unerwartet ohne Geld im fremden Land da. Zum Dritten schließlich gibt es keine direkten Flugreisen mehr nach Russland. Die Einreise nach Moskau, Dreh- und Angelpunkt des innerrussischen Luftverkehres, ist nur über einen Drittstaat möglich; am schnellsten scheinen hier die Verbindungen über die Türkei oder Serbien.
Wir haben alle drei Hürden gemeistert. Für 130 Euro pro Person bekamen der kleine Aleksander und ich in Dresden nach einer halben Stunde das Ergebnis des PCR-Express-Tests. Ich überwies einer in Deutschland wohnenden russischen Bekannten Euro, deren Verwandte in Russland auf das russische Konto meiner Frau Rubel zahlten – so haben wir getauscht, ohne dass grenzübergreifend Geld fließen musste. Unser Flug nach Moskau geht mit einem Zwischenstopp über Belgrad. Mit Vorfreude und Spannung einen Monat in Sibirien erwartend, bei den Verwandten und Freunden meiner Frau Niso, in der Baikal-Region, wo sie aufgewachsen ist und wir uns kennengelernt haben, stehen wir nun in der Abfertigungsschlange am Check-in-Schalter bei Air Serbia im neuen Flughafen Berlin-Brandenburg. Aleksander schläft an Nisos Brust, Maja drängelt, wann es nun endlich weitergeht und ich lege unsere vier Reisepässe auf die Ablage.
„Die deutschen Aufenthaltstitel von Ihrer Frau und Ihrer Tochter bräuchte ich bitte noch“, sagt die Damen hinter dem Schalter.
Ich reiche ihr die beiden geldkartengroßen Plastikdokumente, die sie vor sich ablegt. Mit einer unachtsamen versehentlichen Armbewegung wischt sie Majas Karte von Tisch; diese fällt in den schmalen, einen halben Zentimeter breiten Spalt zwischen Gepäckförderband und Schalter. Wir können das Dokument sehen, aber es ist unmöglich, es von dort mit der Hand oder auch einem Gegenstand wieder heraufzuholen.
Der Aufenthaltstitel ist für Ausländer wie eine Art Personalausweis. Ohne ihn kann Maja Deutschland weder verlassen noch wieder einreisen. Die Abfertigungsdame kratzt sich verlegen am Kopf, entschuldigt sich und greift zum Telefon, um einen Techniker zu rufen. Noch ist über eine Stunde Zeit bis zum Abflug. Unser Gepäck, eigentlich schon eingecheckt und mit einem Aufkleber versehen, nehmen wir vom Band wieder zurück. Falls wir das Flugzeug verpassen, soll es nicht ohne uns losfliegen.
Nach einer halben Stunde kommt der Techniker mit einem Schraubenzieher in der Hand und fängt an, die Verkleidung des Gepäcktransportbandes auseinanderzunehmen. Wir sind inzwischen die letzten Passagiere für den Flug nach Belgrad, hinter uns staut sich schon die Schlange für den nächsten Abflug und beobachtet neugierig das ungewöhnliche Ereignis.
„Soll ich helfen?“, frage ich den Schrauber am Transportband, „meine Hände sind schmaler als Ihre, vielleicht kann ich - “
„Sie machen hier gar nichts, wenn Sie sich an den scharfen Kanten verletzen, bekomme ich Ärger.“
Eine Viertelstunde später meint der Techniker, dass er leider weitere Kollegen mit größerem Werkzeug herbeiholen muss, da noch weitere Teile abzuschrauben sind, um zu der leider sehr unglücklich in eine unerreichbare Ritze gefallenen Plastikkarte vorzudringen. Der Schalterdame tut der Vorfall sehr leid, sie entschuldigt sich mehrfach bei mir und verspricht, dass das Flugzeug wartet.
Noch eine halbe Stunde bis zum Abflug, und wir haben den Check-in-Schalter immer noch nicht verlassen. Plötzlich stößt der Techniker einen erleichterten Seufzer aus und reicht mir das Dokument. Er hat es irgendwie hervorangeln können, auch ohne die Kollegen mit dem größeren Werkzeug.
Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Das nervöse Warten weicht maximalem Tempo, sofern das mit Frau und zwei Kindern möglich ist. Im Davonstürmen glaube ich aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, wie Mitarbeiter unser Gepäck auf das benachbarte, nicht auseinandergeschraubte Transportband werfen – ich hätte etwas genauer hinschauen sollen, doch das wird sich erst später zeigen.
Warten am Security-Check. Handgepäck in den Kasten aufs Band, Inhalte der Taschen auch, Jacken aus, durch den Personenscanner. Handgepäck, Tascheninhalte und Jacken im Empfang nehmen. Die Babynahrung für Aleksander sorgt für Verzögerung, muss noch einmal herausgenommen werden und wird gesondert geprüft. Könnte ja flüssiger Sprengstoff sein.
Weiterhetzen, gefühlt einige Kilometer. Warten an der Passkontrolle. Dann mitten durch Duty-Free-Shops hindurch mit ihrem überflüssigen, aufdringlich glitzernden Warenangebot: Parfüm, Zigaretten, Süßigkeiten, Alkohol. Maja bleibt kurzzeitig zurück und weint, vielleicht weil sie denkt, das Flugzeug startet mit uns, aber ohne sie.
Fünf Minuten nach der Abflugzeit sind wir am Flugsteig. Tatsächlich, das Flugzeug steht noch da! Drei Plätze nebeneinander für uns sind reserviert. Wir sinken in die Sitze und kommen zur Besinnung. Die bevorstehende anderthalbstündige Reise nach Belgrad wird zum Glück ganz ruhig; Maja schläft, Aleksander blättert in der Bordzeitschrift, nuckelt an der Mutterbrust oder schläft auch. Nach einem kleinen Abenteuer zu Beginn der Reise sollte nun alles reibungslos verlaufen, schließlich habe ich alles wieder und wieder durchgeplant, überall mehr als genug Wartezeit einkalkuliert, das Taxi zum Hotel für die Zwischenübernachtung in Belgrad schon gebucht – der Fahrer wird auf uns mit einem Namensschild in der Hand am Flughafenausgang warten – und überhaupt alles getan, um Unvorhergesehenes zu vermeiden. Schließlich bin ich nicht mit mir selbst im Abenteuerurlaub, sondern als Familienmensch unterwegs. Da zählen die Bedürfnisse der anderen mindestens genauso wie meine.
Wir landen in der sommerheißen Hauptstadt Serbiens. Passkontrolle, Warten aufs Gepäck. Maja und Niso nehmen ihre Koffer im Empfang. Nach einer halben Stunde Herumstehen am leer vor sich hin rotierenden Gepäckband und einer Suchanfrage im Lost-and-Found-Büro wird klar, dass mein großer, mit Kleidung, Geschenken und Reiseproviant gefüllter Rucksack nicht mitgeflogen ist. Unser Taxi ist natürlich auch längst verschwunden.
Zum Glück habe ich eine Ersatz-Unterhose im Handgepäck, und für den dreifachen Preis findet sich auch ein anderer Fahrer. Die Frau an der Rezeption im serbischen Hotel spricht weder Deutsch noch Englisch noch Russisch, aber die bejahende Antwort auf die mit Händen gestellte Frage, ob das Leitungswasser trinkbar ist, verstehe ich auch so, und wie die Klimaanlage im Zimmer funktioniert, finden wir alleine heraus.


