Am Tag vor unserer Abreise gebe ich meinem Freund Mischa das Auto zurück. Er erneuert gerade an seinem Haus die Sawalinka, eine außen umlaufende, knapp hüfthohe Sand-Aufschüttung hinter Brettern. Man findet sie an vielen sibirischen Häusern; manchmal lädt die Sawalinka geradezu zum Daraufsetzen und Plaudern ein, eigentlich aber dient sie der Wärmeisolation. Vor der letzten Umarmung möchten Mischa und seine Frau Sveta eine Frage loswerden.
„Wie stehst du dazu, dass in den USA Hormonpräparate entwickelt wurden, die die geschlechtliche Entwicklung von Kindern verzögern, damit sie mehr Zeit haben, sich zu entscheiden, welches Geschlecht sie annehmen möchten?“
„Das klingt für mich nach eurer Propaganda, um den Westen lächerlich zu machen“, sage ich.
„Nein, es ist aus einer amerikanischen Quelle“, meint Mischa, „und bestimmt kommt diese Erfindung bald auch nach Deutschland.“
„Dann ist es wirklich absurd. Alles, was in diese Richtung geht, verstehe ich überhaupt nicht.“
„Gott sei Dank“, seufzt Mischa erleichtert, „du bist wenigstens normal geblieben. Wieviel Prozent der Deutschen denken so wie du?“
„Ich bin sicher in der konservativeren Hälfte. Aber einige liberale Anschauungen finde ich auch nicht schlecht. Zum Beispiel, dass jeder Erwachsene mit jedem anstellen kann, was er will, solange es auf Gegenseitigkeit beruht.“
„Nein!“, sagt Mischa entschieden. „Aus der Bibel geht ganz klar etwas anderes hervor. Der Mensch gehört nicht sich allein, sondern Gott.“
Ich zucke die Achseln. „Was würdest du denn einem Schwulen raten, was er machen soll? Er hat sich sein Schicksal doch nicht ausgesucht.“
„Dasselbe, was ich einem Kleptomanen raten würde, der unbedingt etwas klauen muss: seinen Drang unterdrücken und sich psychologische Hilfe holen. Nicht allen Trieben, die ein Mensch in sich verspürt, sollte er nachgehen.“
„Das hat man in der katholischen Kirche gesehen, was dabei rauskommt, wenn Leuten verboten wird, ihre Sexualität auszuleben“, antworte ich.
„Naja, das Zölibat bei den Katholiken ist ja auch übertrieben. Das gibt es in der orthodoxen Kirche nicht. Unsere Priester heiraten und haben oft viele Kinder.“
Die Abschiedsumarmung ist überfällig. Doch halt, da erinnert sich mein Freund noch an ein vergangenes Gespräch über mein Auto in Deutschland und an den fortgeschrittenen Kilometerstand, von dem ich ihm berichtet hatte: bald wird sich der Motor verabschieden, was wohl auch das Ende des Fahrzeuges insgesamt bedeutet. Da Arbeitsstunden so teuer sind, ist es günstiger, sich einen anderen Gebrauchten zu kaufen.
Bei Mischa ruft diese Ressourcenverschwendung nur Kopfschütteln hervor.
„Bringst du Deinen Ford über die Grenze nach Russland?“, bittet er, „ich kaufe ihn dir ab!“
Ich verspreche, darüber nachzudenken und mich über die Zollbestimmungen zu informieren. Wieder unterbricht Mischa die verabschiedende Umarmung, weil er noch etwas Wichtiges zu sagen hat.
„Thomas“, sagt er und legt alle seine russische Wärme und Herzlichkeit in die nun folgenden Worte, „wenn euch im Winter in der Wohnung kalt wird, weil es kein Gas gibt – kommt nach Sibirien! Wir finden hier immer ein warmes Plätzchen für euch!“
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| Mischa repariert seine Sawalinka. Sollten wir im Winter in Deutschland frieren, findet er in Sibirien ein warmes Plätzchen für uns |
