Dienstag, 9. August 2022

Kapitel XVI

 

 

Nach sechs Flugstunden von Ulan-Ude bis Moskau, einer Hotelübernachtung in der russischen Hauptstadt mit einem kleinen nächtlichen Albtraum, dem problemlosen Grenzübertritt beim Verlassen des Landes und drei weiteren Flugstunden nach Belgrad fühlen wir uns kraftlos und müde. Nun ist es Abend, wir sitzen am Flugsteig im Belgrader Flughafen „Nikola Tesla“, benannt nach dem genialen Erfinder auf dem Gebiet der Elektrik, um dessen kulturelles Erbe sich Kroaten und Serben streiten, und warten darauf, an Bord der Maschine nach Berlin gehen zu können, deren Bereitstellung sich leider um eine Stunde verspätet. Auf der Fahrt in der Mittagshitze vom Moskauer Flughafen Domodedovo zu unserem Hotel in der Nähe von Scheremetjewo hatte sich das Taxi drei Stunden lang durch den Stau entlang des in eine Richtung fünfspurigen MKAD-Autobahnringes gequält, während Aleksander seine besonders saugfähige japanische Windelhose über deren Absorptionsvermögen hinaus randvoll geschissen hatte und nicht mehr zu beruhigen war. Doch die Abenteuer liegen nun hoffentlich hinter uns. Jetzt noch anderthalb Flugstunden, dann eine Übernachtung im Potsdamer Gartenhaus unserer Freunde und dann steht auch schon unser auf der Hinfahrt abgestelltes Auto bereit zur Fahrt nach Königstein.

Wir sind todmüde, doch Aleksander denkt nicht ans Schlafen und muss beschäftigt werden, hier- und dorthin getragen, um hier etwas anzufassen und dort über den Boden zu flitzen. Endlich dann das Boarding. Während wir durch den glasbewandeten Tunnel zum Flugzeug schreiten, trommelt Regen an die Scheibe, es ist Gewitterdonner zu hören.

Anschnallen, warten. Eigentlich ist der Start längst überfällig.

Dann eine Durchsage auf Serbisch und Englisch: wegen des schlechten Wetters wird der Start verschoben, die Passagiere sind gebeten, wieder ins Gebäude zurückzugehen.

Apathisch nehmen wir wieder Platz auf der Sitzreihe vor dem Boarding-Schalter und schauen aus dem Fenster den Gewitterwolken zu. Mir schwant nichts Gutes, zumal durch die große Glasscheibe zu sehen ist, wie das Gepäck aus dem Flugzeug wieder ausgeladen wird.

Wenig später dann tatsächlich die Information: der Flug wird nicht verschoben, sondern abgesagt; die Fluggäste sollen nun bitte warten und dann den Mitarbeitern vom Bodenpersonal folgen, die wüssten, wie es jetzt weitergeht.

Es ist einundzwanzig Uhr. Aleksander ist in den Armen der Mutter zum Glück eingeschlafen; Niso ist anzusehen, dass die Kräfte, ihn zu tragen, schwinden. Es wäre überhaupt eine gute Idee gewesen, einen klappbaren Kinderwagen auf die Reise mitzunehmen; so etwas zählt zum kostenlosen Handgepäck. Der Mitarbeiter vom Bodenpersonal geleitet nun die gesamte Traube der nicht abgeflogenen hundertfünfzig Passagiere wieder durch die Passkontrolle – wir betreten Serbien erneut – und dann zum Gepäckband – alle nehmen ihre Koffer im Empfang – und dann in die Abflughalle zum Schalter der Fluggesellschaft Air Serbia.

Vom Standpunkt der gestrandeten Passagiere her wäre nun ein Hotel angebracht und die Information über einen alternativen Flug am nächsten Tag, doch es passiert gar nichts. Maja versucht auf dem Koffer einzuschlafen, meiner Frau ist schon alles egal, Hauptsache das kleine Kind schläft; ich laufe nervös hin und her und spreche ein paar Leute in der immer nervöser und lauter werdenden Menschentraube an. Niemand weiß etwas, es wird spekuliert, dass der Flug wegen des Nachtflugverbotes am Berliner Flughafen abgesagt werden musste, sonst hätte man ja auch noch etwas warten können, bis das Gewitter vorbei ist.

Kurz vor zweiundzwanzig Uhr. Jenseits der Masse fällt mein Blick auf den einzigen anderen noch besetzten Ticketschalter mit einem gelangweilt auf sein Handy schauenden Mitarbeiter hinter der Glasscheibe.

„Gibt es morgen einen Flug nach Berlin?“, möchte ich wissen.

„Nein, die Fluggesellschaften, deren Tickets wir hier verkaufen, fliegen nicht nach Berlin.“

„Und woandershin in Deutschland?“

„Ja, morgen sechs Uhr.“ Der Mann nuschelt den Namen einer Ortschaft, doch durch die Scheibe verstehe ich ihn schlecht.

„Ich bespreche mich mit meiner Frau und komme dann wieder“, sage ich.

„Gleich mache ich Feierabend“, sagt der Mann.

„Wohin nochmal wäre der Flug morgen?“

Schon wieder verstehe ich den Mann schlecht. Der Name der Stadt klingt irgendwie schwäbisch, ist mir aber auch egal, wichtig ist jetzt, dass der Feierabend nicht dazwischenkommt.

Ich reiche ihm unsere Pässe. „Hauptsache Deutschland. Vier Personen, bitte.“

Zusammen mit einem älteren Herrn, der im Auftrag der Deutschen Bahn das Siemens-Werk in Serbien besucht hat, nehmen wir ein Taxi und lassen uns in ein Hotel bringen, um noch ein paar Stunden zu schlafen. Am nächsten Morgen um sechs Uhr sind wir wieder am Flugsteig, schon wieder trommelt Regen an die Scheiben des Gebäudes und schon wieder heißt es, der Flug startet mit einer Verspätung.

Endlich können wir an Bord gehen. Handgepäck unterm Sitz verstauen, anschnallen. Zum Regen gesellen sich Blitze und Donnergrollen. Niso schaut mich mit leidvollem Gesicht an. Aleksander ist an der Brust nuckelnd eingeschlafen. Es geschieht eine Weile nichts.

Dann gibt es eine Durchsage: wegen des Gewitters kann das Flugzeug nicht betankt werden. Die Passagiere werden gebeten, sich in Geduld zu üben. Die Crew habe entschieden, dass es für die Fluggäste wohl bequemer sei, hier im Flugzeug zu warten als im Flughafengebäude und deshalb das An-Bord-Gehen erlaubt, obwohl der Start noch eine Weile dauern könne.

Eine Stunde später dann das Heulen der Motoren und das bekannte Gedrücktwerden gegen die Sitzlehne. Ein paar Tränen rollen über mein Gesicht.

Das erste, was wir am Flughafen in Memmingen – irgendwo zwischen München und Bodensee – tun, ist zu frühstücken. Wir verschließen unsere Augen vor der Preisliste und wählen genussvoll Würstchen, Kuchen und Cappuccino. Niso und Maja beginnen zu speisen, ich informiere mich über die Preise und Fahrzeiten der Deutschen Bahn und gehe dann zum Schalter der Europcar-Autovermietung.

„Gibt es eine Chance auf ein Auto, ohne dass ich reserviert habe?“

„Nein“, sagt die Frau hinterm Tresen, schaut hilfsbereit auf ihren Bildschirm und hackt etwas in die Tastatur.

„Schade“, seufze ich, „wir wollten eigentlich nicht hierher und müssen jetzt irgendwie weg.“

„Viele wollen nicht hierher“, sagt die Frau und lacht. „Ich glaube, ich habe trotzdem ein Auto für Sie. Opel Astra Kombi mit Schaltgetriebe. Wäre das was?“

Ich kehre zurück zu Frühstückswürstchen, Kuchen und Cappuccino.

„Ist billiger und geht schneller als Zugfahren. ICE-Tickets für den gleichen Tag sind unverschämt teuer“, erkläre ich meiner Frau.

„Cool“, sagt Maja und begutachtet neugierig den Autoschlüssel.

Wie ist nun die Geschichte mit meinem verschwundenen, nicht nach Belgrad mitgeflogenen Rucksack weitergegangen? Zweimal noch fahre ich zum Flughafen Berlin-Brandenburg. Beim ersten Mal erhalte ich die Auskunft, dass er im Keller liege und jetzt gerade nicht hochgeholt und übergeben werden könne, ich solle in ein paar Tagen noch einmal wiederkommen. Beim zweiten Mal begrüßt mich ein Schild mit der Information, dass aus operativen Gründen keine wiedergefundenen Gepäckstücke mehr ausgehändigt werden und man warten solle, bis der Lieferdienst sie nach Hause zustellt. Ich warte heute noch.

„So einen Stress möchte ich nicht gehabt haben“, sagt meine Mutter nach der Lektüre dieses Reiseberichtes. „Aber trotzdem spannend, von all diesen Erlebnissen zu lesen!“ Und sie fördert einen Spruch aus der Schatzkammer ihrer Weisheiten hervor: „Nicht das Erreichte zählt. Das Erzählte reicht!“

 

"Djetskoje pitanie" - "Kindernahrung" in einem Supermarkt. Interessant, was man in Russland unter Kindernahrung versteht





 

 

 

 

 

Kapitel I

  Wer im Jahre 2022 eine Reise nach Russland unternimmt, muss bereit sein, drei neuartige Hürden zu überwinden. Zum einen müssen nicht-rus...